loyalbushie

Doublethink-Volkshochschule Herbstsemester 2009/10 – Lektion II: NS-Vergleiche

In Doublethink Volkshochschule, Politik, Tagesgeschehen on November 2, 2009 at 8:45 am

Was jeder, der zu den Guten gehören möchte, von vornherein wissen muss, ist, dass der „Nationalsozialismus“ eigentlich „Faschismus“ genannt zu werden hat. Sozialismus war er nämlich keiner, denn der Sozialismus ist die höchste und vollendetste Stufe des Humanismus und möchte nur das Gute für alle Menschen und ihre Befreiung von Ausbeutung durch den Menschen und allem Übel, das wo es überhaupt gibt und überhaupt. Hinter dem Faschismus hingegen stehen die am meisten reaktionären und imperialistischen Elemente des internationalen Finanzkapitals und deshalb kann man das nie vergleichen. Deshalb sind auch die weltweit 100 + x Millionen Menschen Reaktionäre, Saboteure und Hooligans, die um dem Sozialismus zum Durchbruch zu verhelfen neutralisiert werden mussten, bestimmt auch leichter gestorben als die 65 + x Millionen Menschen, die dem Faschismus oder NS anzulasten sind.

Dennoch hat sich die Bezeichnung „Nationalsozialismus“ noch weiter in den Köpfen gehalten, weshalb es besonders wichtig ist, das zu ändern und vor allem das Bild der unwissenden Normalbürger zurechtzurücken. Insbesondere im Zusammenhang mit Bezugnahmen und Vergleichen mit dem NS. Da ist nämlich klar zu unterscheiden, ob ein solcher bzw. derjenige, der ihn bringt, ein fortschrittliches oder ein reaktionäres Anliegen verfolgt.

Im ersteren Fall, wo es um emanzipatorische Belange, um den Zweck der Befreiung des Menschen durch die Ausbeutung durch den Menschen und um die Behauptung der wissenschaftlichen Weltanschauung geht, ist ein NS-Vergleich der Ausdruck eines besonders kritischen Bewusstseins und aufgeweckten Verstandes.

Beispiele hiefür: Helmut Kohl wollte 1989 nicht „zwei deutsche Teilstaaten friedlich vereinigen“, sondern strebte die Wiederbelebung großdeutschen Größenwahns an. Die politischen Inhalte konservativer Exponenten in der Union bzw. Parteien wie die Republikaner mit den Nazis zu vergleichen oder gleichzusetzen ist gleichzeitig ein fortschrittlicher Herrenwitz und ein Zeichen dafür, dass man sehr viele Bücher gelesen hat. In der Gegenwart ergibt sich auch ein interessanter neuer Aspekt im Zusammenhang mit dem Kampf der progressiven, humanistischen Kräfte gegen den religiösen Aberglauben als Blendwerk des Kapitals. Daher ist es der besondere Clou, nicht nur das Christentum und die Kirche, sondern auch gleich den Islam mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen oder gleichzusetzen. PI hat kürzlich den Prozess gegen einen von Hass auf den Islam und auf Fremde getriebenen mutmaßlichen Täter besorgten jungen Mann, der  den Mord an einer Mutter und ihrem Ungeborenen sich nur Gedanken macht um die totalitären Bestrebungen einer religiösen Ideologie mit dem Prozess gegen den angeblichen Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe verglichen. Und unschlagbar ist die Bezeichnung des Schleiers muslimischer Mädchen als „islamisches Hakenkreuz“, wie ihn unisono Alice Schwarzer und die „Gegenstimme“ gerne bringen.

Hingegen ist es aber mindestens sechsspurig Autobahn und geht gar nicht, wenn Konservative, Christen oder andere religiöse Kräfte sich durch irgendwelche Dinge, die ihnen nicht passen, an den NS erinnert fühlen. In diesem Fall vergessen sie nicht nur, dass sie a) selbst ja schon die Nazis sind bzw. sich mit ihnen vergleichen zu lassen haben (siehe oben) und NS-Vergleiche solcher Gruppen nie sachlich gerechtfertigt und Ausdruck eines kritischen Bewusstseins sind, sondern nur den Willen offenbaren, den NS reinwaschen und verharmlosen zu wollen.

Jüngstes Beispiel: Der Kölner Kardinal Meisner, der die Weltsicht der zeitgemäßen Fassung des legendären Staatsmanns Enver Hoxha, den Oxforder Biologen und hauptberuflichen Atheisten Richard Dawson Dawkins (sorry, verwechsle den immer mit dem Mann aus dem Englischbuch meiner Freundin, der immer mit den Hunden essen musste – was die Verbitterung des Atheisten immerhin erklären würde), sowie jene seines Gesinnungsgenossen, den Australier Peter Singer, der Behinderten das Lebensrecht abspricht, mit jenem Weltbild vergleicht, das den Eugenikprogrammen des NS Pate stand.

„Ähnlich wie einst die Nationalsozialisten im einzelnen Menschen primär nur den Träger des Erbgutes seiner Rasse sahen, definiert auch der Vorreiter der neuen Gottlosen, der Engländer Richard Dawkins, den Menschen als „Verpackung der allein wichtigen Gene“, deren Erhaltung der vorrangige Zweck unseres Daseins sei.

Seinem australischen Mitstreiter Peter Singer ist ein Schwein oder Affe wertvoller als ein hilfloses Baby oder ein altersschwacher Mensch, welche prinzipiell getötet oder dem Zugriff der Forschung verfügbar gemacht werden dürfen, wenn nicht Interessen Angehöriger entgegenstünden. Das ist keine Horrormalerei, die hier vorgenommen wird, sondern das ist eine schaurige Gegenwart, die die so genannten atheistischen Wissenschaftler heraufbeschworen haben. Die Leugnung der transzendenten Dimension des Menschen als Ebenbild Gottes und damit als moralische Person, welche die Würde des Menschen als Zweck an sich begründet, hat zur Selbstermächtigung mancher solcher Forscher geführt, nicht nur über das Menschsein menschlicher Wesen zu befinden, sondern den Menschen genetisch zu verbessern oder ganz und gar neu zu konstruieren.“

Bevor man künftig behauptet, aus dem NS die richtige Schlüsse gezogen zu haben, empfiehlt es sich also zwingend, zuerst bei der örtlichen Geschäftsstelle der Grünen, der Partei „Die Linke“, der GEW oder der Bruno Giardino oder Ralph Giordano oder so Stiftung nachzufragen, ob man zu Recht dieser Auffassung ist.


  1. Du täuscht dich, großer Anhänger des Folterpräsidenten Busch. Dein lieber Meisner ist es, der sich erbärmlich blamiert hat. (Dass es selbsterklärte „Antifaschisten“ gibt, die sich ebenfalls oft und gerne mit ihren Nazivergleichen blamieren, sei geschenkt). Und wie sehr sich die Meisnerin blamiert hat, sieht jeder, der sich bloß einen Funken mit Evolutionstheorie auskennt (was man von einem Anhänger des Kreationistenpräsidenten nicht erwarten kann).

    Ein Jesuitenpaters aus München, der sicher antichristlicher Umtriebe unverdächtig ist, drückt das schöner aus als ich je könnte:

    „Dawkins hat eine Erklärung dafür gesucht, was sich in der Evolution als das „Fitteste“ durchsetzt. Ist es das Individuum? Ist es die Art? Dawkins sagt: Nein, es sind die Gene. Wir zählen einfach ab, welche Gen-Varianten sich am häufigsten verbreitet haben. So gesehen, aber auch nur so, wird der Organismus zum Vehikel für die Verbreitung von Gen-Kombinationen. Meisner macht den Fehler, von einem biologischen Modell – dem „egoistischen Gen“ – auf eine anthropologische Deutung des Menschseins zu schließen, so als ob der Mensch letztinstanzlich durch seine Gene „erklärt“ würde, Egoismus die tiefste Triebkraft des Menschen sei und es deshalb eine Nähe zum Rassenwahn der Nazis gebe – das ist Unsinn. Kardinal Meisner sollte endlich lernen, dass die Nazi-Parallelen immer daneben sind. In diesem Fall ist sie besonders hanebüchen. “

    (Christian Kummer, Jesuitenpater und Direktor des Instituts für naturwissenschaftliche Grenzfragen, in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“)

  2. Vor wem denn blamiert? Vor den Neo-Hoxhaisten? Mit dem wird er jetzt wohl leben müssen und ich denke, das wird er irgendwie verschmerzen können (auch wenn ich mir vorstellen kann, dass er überaus großen Wert darauf legen dürfte, dass die von ihm eine hohe Meinung haben *lol*).

    Außerdem habe ich leise Zweifel, dass Herr Kummer vor seiner Stellungnahme noch einmal bei Meisner genau rückgefragt hat, wie er diese gemeint hat und wie er diese begründet. Er interpretiert einfach irgendwas in die Aussage hinein. Er weiß sogar rückwirkend, was einer in dem Moment, da er etwas geäußert hat, zwischen den Zeilen gedacht hat. Sozusagen retrospektives Hellsehen.

    Über dieses Gen verfügen offenbar wirklich nur Evolutionisten…🙂

    Außerdem genügt mir der Besuch in der Euthanasiegedenkstätte meiner Heimatstadt, um Meisners Einschätzung mit Blick auf Singer nachvollziehen zu können, ohne mich dafür in irgendeine Theorie vertiefen zu müssen. Vor so viel humanistischem Einfühlungsvermögen wie der aufweist krieg ich irgendwie Angst…

  3. Jetzt bin ich allerdings etwas verblüfft. Man kann eine Predigt von Kardinal Meisner nur dann verstehen, wenn man vorher bei ihm nachfragt, wie er das gemeint hat? Na dann!

  4. Bevor man sich mithilfe selbstgestrickter, spekulativer Interpretationen zum Kronzeugen von Leuten macht, die einen möglicherweise, wenn sie könnten, wie sie wollten, ins Umerziehungslager stecken oder einem die Stasi auf den Hals hetzen würden, wäre das eine Option… ja… würde ich mal so sagen.

  5. An welche Lager denkst du da? Guantanamo? Abu Ghraib?

  6. Nö nicht wirklich, eher an solche wie Workuta oder wie heute in Nordkorea oder im Irak unter Saddam Hussein – wo Folterungen im Unterschied zu Abu Ghureib etc. NICHT zu Anklagen und Verurteilungen vor militärischen oder staatlichen Gerichten geführt hatten…

  7. Der Unterschied erschließt sich für mich nicht: Ob ich einen Gefangenen erst foltere und dann umbringe, oder ob ich durch Folter ein Geständnis erpresse, mit dem ich ihn dann in einem Schauprozess schuldig spreche und dann erst umbringe, ist letztlich Jacke wie Hose.

    Ich darf dich somit vorsichtig darauf hinweisen, wer sich hier zum Kronzeugen für Leute macht, die andere in Umerziehungslager stecken (und zwar tatsächlich, nicht nur „möglicherweise, wenn sie könnten wie sie wollten“).

  8. Ach Kurti, in den USA wurden zu keiner Zeit Leute in Umerziehungslager gesteckt. Es wurden nur ein paar Personen etwas eindringlicher befragt, zu deren unangenehmen Angewohnheiten es gehört, gerne mal öffentliche Gebäude oder Einrichtungen unangekündigt und bei starker Publikumsfrequenz in die Luft zu jagen bzw. dies zu planen.

    Und wo Gesetze verletzt wurden, gab es – wie in einem demokratischen Rechtsstaat üblich – strafrechtliche Konsequenzen.

    Sei einfach nur dem lieben Gott dankbar, dass du gerade mehrere 1.000 km entfernt mit der Zeitung in der Hand deinen Kaffee schlürfen konntest, als am 11. September die Flugzeuge ins WTC krachten…

  9. „“Meisner macht den Fehler, von einem biologischen Modell – dem „egoistischen Gen“ – auf eine anthropologische Deutung des Menschseins zu schließen, so als ob der Mensch letztinstanzlich durch seine Gene „erklärt“ würde, Egoismus die tiefste Triebkraft des Menschen sei und es deshalb eine Nähe zum Rassenwahn der Nazis gebe – das ist Unsinn.““

    Nein, gerade den Fehler kritisiert Meisner. Gegen die Evolutionstheorie sagt er gar nichts, nur gegen die normative Ausdeutung einer rein positiven Theorie. Vielleicht haben Sie das nicht gelesen. Er sagt nämlich:
    „Diesen Naturwissenschaftlern kann man nur dringend raten: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ Sie haben Kompetenz im Labor, aber für die übrige Weltwirklichkeit sind sie nicht speziell zuständig, etwa um neue Zehn Gebote zu definieren.“
    Die „wissenschaftlichen“ Weltanschauungen (d.h. Marxismus und Nationalsozialismus) haben aus bestimmten –im Falle des Marximus sogar spekulativen– Befunden bestimmter Wissenschaften Regeln abgeleitet, wie mit Menschen zu verfahren sei. Meisner sagt nun, daß das verboten sei. Da hat er doch recht!

  10. Grüß Gott,
    ein Zahlenvergleich, welche Ideologie wieviele Menschenleben gekostet hat, bringt ja nicht weiter, richtiger wäre festzustellen, dass niemand das Recht hat, Menschen umzubringen im Namen irgendeiner gottlosen Ideologie. Und da sind sich die monotheistischen Religionen doch wohl mal wieder einig, dass es kein Recht auf Angriffskriege gibt, um jemanden zwangszubekehren.
    Man braucht auch nicht der Meinung sein, dass Menschen das Ebenbild Gottes sind, um sich darauf zu einigen, dass es nicht in unserer Macht steht zu entscheiden, ob ein Leben „lebenswert“ ist. Niemand von uns kann in Menschen mit Behinderungen hineinschauen, das kann nur Gott. Wohl sollten uns aber medizinische und pflegerische Forschung, sowie ganz normales Mitgefühl dazu befähigen, Leiden zu lindern und einen menschlichen Umgang mit Mitmenschen zu pflegen, die vielleicht nicht so „normal“ sind, wie wir es glauben zu sein. Da hat auch die Wissenschaft ihren Platz.

    Zum o.T. Thema der Folter- und Umerziehungslager, kann ich nur das Gleiche sagen wie zu den Todesopfern: hier hilft kein Gegeneinanderaufrechnen. Meines Wissens hat die USA keinesfalls alle Rechtsverstöße ihrer eigenen Institutionen geahndet – im Gegenteil, immer noch wird vertuscht und jongliert und Gesetze geschaffen, die Menschenrechtsverstöße legalisieren, z.B. den „präventiven Dauerarrest“. Zum 9/11 gebe ich jetzt mal nicht meinen üblichen Kommentar ab, den kennt der loyalbushie schon zur Genüge.
    Aber was hat das mit Menschenrechtsverstößen anderer Regierungen zu tun? Wenn Du darfst, darf ich auch?

    Allerdings finde ich es schade, wenn die Diskussion dadurch vom Thema abkommt.

    Gruß, Meryem

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