loyalbushie

Minarettverbot: Brillanter BILD-Kommentar

In Gesellschaft, Kultur und Zeitgeist, Tagesgeschehen on Dezember 4, 2009 at 9:11 am

Dass ich die BILD-Zeitung lobe, kommt reichlich selten vor. Umso mehr sollte aber gewürdigt werden, wenn in dem Massenblatt Kommentare wie dieser hier erscheinen:

„Liebe Minarette,

ich fühle mich nicht von Euch bedroht. Bedroht fühle ich mich von unseren leeren, einsamen, christlichen Kirchen, von Klassenzimmern ohne Kreuze, Religionsunterricht als Hobby. Grotesk, dass das Bundesverfassungsgericht entscheiden musste, dass der Sonntag der „Arbeitsruhe und seelischer Erhebung“ gehört.

Minarett-Verbot: Wie viel Kirchturm erlaubt Allah?

Die Moscheen sind voll, unsere Kirchen sind leer. Unser Gott ist die Toleranz, die Diskussion, die Konferenz, die Konfliktforschung.

Wie wäre es, wenn wir wieder beten: „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Ich habe Angst, dass unsere Kirchen Ruinen werden, unsere Pfarrer arbeitslos und die Bibel bei Ebay verramscht wird. Ich habe keine Angst vor Minaretten, ich habe Angst, dass unser Gott in Deutschland ein Fremder wird. Wir gehen nicht mehr in die Kirche, nur noch selten spricht eine Mutter ein Nachtgebet, Kinder kriegen auch kein Frühstück. Meine Mutter zeichnete mir vor dem Einschlafen das Kreuz-Zeichen auf die Stirn. Macht das heute noch eine Mutter?

Gott fehlt uns, unser Gott.

Herzlichst

Ihr F. J. Wagner“

Wie war das noch mal mit dem blinden Huhn?🙂 Aber immerhin hat sich die BILD bisher noch nicht in die Phalanx der „islamkritischen“ Scharfmacher eingereiht, die jetzt Morgenluft wittert. Es ist zu hoffen, dass die Erinnerung an die ungesunden Nebenwirkungen der „judenkritischen“ Bewegung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland den Zeitgeist prägte, immer noch stärker ist als die Angst vor einem drohenden Ende des Alkoholausschanks am Ballermann, dem Verbot von Bauchfreitops oder einer Zwangsernährung mit Halal-Bratwürsten. Ganz zu schweigen darüber, dass in den Schulen künftig statt der Pausenglocke der Adhan ertönen wird!

Mit der Selbstgewissheit einer Kultur, die sich durch ein Stück Stoff in ihren Grundfesten bedroht sieht, kann es ja nicht weit her sein.

PS: Übrigens wissen wir jetzt auch, dass die „Topmodel“-Show ein Akt des islamkritischen Protests ist (und jeder Bulimie-Teenie eine Widerstandskämpferin gegen den islamischen Eroberungsdrang) und dass sich Frauen in unseren Breiten nicht nur ausziehen und abmagern, um auf den Hunger in der Welt und darauf hinzuweisen, dass viele Menschen kein Geld für anständige Bekleidung haben, sondern auch darauf, dass Tiere frieren müssen und nach Burqas und Bulgur schreien.

  1. „Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – „Durch diese hohle Gasse muss der Rechtspopulist kommen“ – ironische Artikel zu diesem Thema –

    http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/scheis-schweizer-zuerst-steueroase-%E2%80%93-nun-nazi-paradies/

    „Durch diese hohle Gasse muss der Rechtspopulist kommen“

    http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/durch-diese-hohle-gasse/

    Genau, wie wir alle dachten – zwar waren zwei Antwortmöglichkeiten erlaubt aber eigentlich doch nur eine gestattet – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“
    ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!
    Toll, dass auch noch alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…
    Ich rufe auf die Wahlen dann einfach abzuschaffen, so wird immer richtig entschieden!

    Der Islam muss sich in Europa anpassen und ebenso die Anhänger… In Afrika muss ich kurze Hosen tragen weil es so heiß ist und im Norden Jacken… – wie dieses banale Beispiel gibt es auch traditionelle Gegebenheiten, die vorherrschen – auch diesen muss man anpassen…

  2. War ja nur eine Frage der Zeit, bis das Gespamme auch hier losgeht…

    Aber eine Verständnisfrage hätte ich da schon mal: Wie soll das denn konkret aussehen, dieses „den Gegebenheiten anpassen“? Sollen Muslime, die hier leben, ihre Herkunft verleugnen? Ihre religiöse Überzeugung aufgeben? Freiwillig auf ihr Recht auf Religionsfreiheit verzichten? Bloß nicht auffallen? Oder was eigentlich konkret? Klär mich bitte auf…

  3. was ich auch bedenklich finde: in foren und kommentaren werden oft muslime für die „kreuzverbote“ verantwortlich gemacht. da geht es um richterliche entscheidungen, aber spätestens im zweiten kommentar wird auf die muslime verwiesen. warum? die meisten muslime werden die letzten sein, die sich über so ein kreuz beschweren. ganz ehrlich, ich geh lieber in ein krankenhaus von einem kirchlichen träger oder würde meine kinder lieber in kirchliche Kindergärten oder schulen schicken, als in staatliche. irgendwie würde ich mich dabei wohler fühlen, denn die wertevermittlung ist ja im prinzip die gleiche.

  4. Servus,
    ja ist es denn nicht intolerant, rechtsextrem, faschistisch und wie ich finde paranoid, wenn man einen derartigen Aufstandt um ein Gebilde macht, dass genutzt wird um auf ein Gotteshaus hinzuweisen und die Gläubigen zum Gebet zu rufen, ebenso wie es Kirchenglocken tun? Das kann ja wohl jemand mit klarem Verstand nicht ernsthaft finden, tut mir leid, da werde ich nie mitkommen.
    Ansonsten: der Islam ist eine Weltreligion und wir werden uns weltweit so kleiden wie es uns zusagt.
    Kein Gläubiger, egal welcher Religion wird „Anpassung“ über Gottes Gebote stellen. Dann wäre es mit dem Glauben ja nicht weit her. Dass manche sich einschüchtern lassen, ist eine andere Sache, aber an unserer Stärke und unserem Selbstvertrauen arbeiten wir.

    Grüße von Meryem

  5. „in foren und kommentaren werden oft muslime für die „kreuzverbote“ verantwortlich gemacht.“

    Diese Sprüche sind mir fast die Liebsten… vor allem, wenn dabei Piusbrüder mit fanatischen Atheisten gemeinsame Sache machen.

    Dabei bräuchte man nur des Lesens mächtig zu sein, um zu erfahren, wie die Islamischen Verbände tatsächlich über das Kreuzverbot denken: http://kath.net/detail.php?id=24457

    Immerhin war es ja der gleiche EGMR-Senat, der auch das türkische Kopftuchverbot für „menschenrechtskonform“ erklärt hatte.

    Konterrevolutionäre Selbstabgrenzung ist in der humanistischen „Schönen neuen Welt“ eben Autobahn…

  6. Hallo,

    die kritischen Sätze zur Bild-Zeitung sind angebracht, denn immerhin hat die online-Redaktion eine Umfrage (Minarett-Verbot in Deutschland?) gestartet, bei der mehrfach abgestimmt werden kann. Das Ergebnis ist entsprechend plakativ wie unzuverlässig.

    Jedoch kann man einen Gedanken des Kommentars aufnehmen: durch Ausdifferenzierung, Säkularisierung und Pluralisierung haben wir viel Freiheit gewonnen, die wir auch nicht wieder hergeben wollen. Keiner möchte die Demokratie rückgängig machen.

    Andererseits sind wir verloren in der Vielzahl unüberschaubarer Lebensoptionen, die, um in ihrer Gesamtheit gelebt werden zu können, ein gewisses Maß an Oberflächlichkeit erfordern.

    Eine Lösung könnte die Besinnung auf die starke Seite des Evangeliums. Heiner Geißler hat in seinem Buch „Was würde Jesus heute sagen“ darauf hingewiesen. Die menschliche Botschaft ist zugleich eine demokratische und könnte ein Ausweg aus dem Dilemma zwischen irreführender Freiheit und totalitärer Religion sein: ein freies Bekenntnis zum verbindlichen Bekenntnis zu Jesus. Sie widerspricht weder der Freiheit, noch der Gleichgültigkeit.

    Aber sie muß aus freien Stücken gesucht und gefunden werden. Das erfordert eben auch das schmerzliche Hinnehmenmüssen des Verlustes liebgewonnener Sicherheit. Vielleicht kann man sich damit trösten, daß die frohe Botschaft „unkaputtbar“ ist. Sie überdauert den Zeitgeist, so, wie sie es die letzten 2000 Jahre auch schon getan hat.

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