loyalbushie

Vermeidbare Zerwürfnisse

In Politik, Religion, Tagesgeschehen on Dezember 28, 2009 at 11:08 pm

Mit Stefan Kramer hat der Zentralrat der Juden in Deutschland einen eloquenten, hellen Kopf zum Generalsekretär erhoben. Im Umgang mit Medien und in der Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, kann er sich durchaus mit Michel Friedman messen, ohne jedoch wie Letzterer mit Skandalen in Erscheinung zu treten. Kramer scheut sich nicht, wichtige und richtige Worte zur rechten Zeit zu verlieren, egal, ob es um Patriotismus und das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation geht oder um berechtigte Warnungen vor einer zunehmenden Salonfähigkeit von Hetze gegen ganze Bevölkerungsgruppen.

Umso bedauerlicher ist es, wenn sich der gleiche Stefan Kramer zu sachlich nicht gerechtfertigten und inhaltlich unausgewogenen Äußerungen hinreißen lässt, die – gerade weil von jemanden wie ihm differenziertere und abgewogenere Stellungnahmen erwartet werden könnten – böses Blut schaffen und das Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Institutionen belasten, wie dies aktuell auf Grund seiner Äußerungen zum Papst und zur Katholischen Kirche der Fall ist.

Dass auch die Wortwahl des Regensburger Bischofs Müller, der von „Hassausbrüchen jenseits aller Vernunft“ sprach, nicht wirklich als hilfreich angesehen werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Inhaltlich jedoch gibt es nicht nur auf europäischer, sondern auf weltweiter Ebene kaum einen Vertreter einer Religionsgemeinschaft, der ein ähnlich hohes Maß an Respekt gegenüber anderen Religionsgemeinschaften zeigt wie das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Der „Pontifex Maximus“ wird seinem Anspruch und seiner Verantwortung gerecht, Brücken zu bauen. Dem Anspruch der Katholischen Kirche entsprechend macht dieses Streben auch vor Strömungen nicht Halt, die Anlass zu Kontroversen bieten.

Dass linksradikale und atheistische Einpeitscher die unsäglichen Äußerungen des „Piusbrüder“-Bischofs Williamson zum Holocaust zum Anlass nehmen würden, Hass gegen den Vatikan zu schüren, war vorhersehbar. Sie gleichen in ihrem blinden Hass dem PI-Spektrum, das jeden halbwüchsigen türkischstämmigen Discothekenschläger zum Auftragstäter des islamistischen Welteroberungsstrebens erhebt.

Dass Stefan Kramer deren dogmatische Urteile so unkritisch übernimmt, ist jedoch enttäuschend – auch und gerade weil die besondere Sensibilität unter den Angehörigen einer Bevölkerungsgruppe so nachvollziehbar ist, in der es kaum eine Familie gibt, die nicht vom Völkermord der Nationalsozialisten betroffen war. Er hätte in der Lage sein müssen, die abgrundtiefe Heuchelei derjenigen zu durchschauen, die auf der einen Seite permanent den Einfluss der Kirchen unter Berufung auf die säkulare Natur unseres Staatswesens beschneiden wollen, andererseits aber verlangen, dass die Ergebnisse kirchenrechtlicher Verfahren (etwa jenes, in dem es um die Zugehörigkeit nicht gültig geweihter Bischöfe zur Katholischen Kirche geht) von Umständen abhängig gemacht werden sollen, die eindeutig dem staatlichen Bereich zuzuordnen sind (beispielsweise davon, ob einer der Verfahrensparteien in privaten Interviews staatliche Strafgesetze verletzt).

Auch sind – wie im Falle der Zuerkennung einer innerkirchlich wirksamen Ehrung an den früheren Papst Pius XII. – Seligsprechungsverfahren in erster Linie interne Angelegenheiten der betreffenden Religionsgemeinschaft und keine Geschichtsseminare, in der spät Geborene sich darin überbieten, den Erlebnisgenerationen mitzuteilen, was sie, wären sie an ihrer Stelle gewesen, richtiger gemacht hätten.

Das Wirken des Zentralrats der Juden in Deutschland, dessen führende Repräsentanten tendenziell eher das säkulare und liberale Spektrum des Judentums verkörpern als etwa das orthodoxe, kann nicht genug gewürdigt werden, wenn es etwa um seine Verdienste bei der Wiedergeburt jüdischer Gemeinden in Deutschland nach dem Holocaust oder die Integration von jüdischen Einwanderern geht, die den Weg aus der Drangsalierung und Unsicherheit in manchen Gebieten der früheren Sowjetunion gefunden hatten und ins sichere Deutschland gegangen waren.

Auch ist die mahnende Stimme des Zentralrats in vielen Bereichen des politischen Lebens unserer Republik wichtig, insbesondere wenn es darum geht, auf bedenkliche Tendenzen aufmerksam zu machen. Was dem Zentralrat heute fehlt, ist allerdings eine Persönlichkeit wie der vor 10 Jahren verstorbene Ignatz Bubis, der in besonderem Maße für Stil, Besonnenheit und ein friedliches Zusammenleben der Religionen eingetreten war.

Umso mehr wäre es zu begrüßen, wenn seine Nachfolger in Punkto Respekt vor anderen Religionsgemeinschaften mit gutem Beispiel vorangehen würden und im Umgang mit der Katholischen Kirche und deren Oberhaupt abgewogenere Stellungnahmen abgeben würden, statt auf den Applaus linksgewirkter Medien zu schielen.

  1. Das Wirken des Zentralrats der Juden in Deutschland, dessen führende Repräsentanten tendenziell eher das säkulare und liberale Spektrum des Judentums verkörpern als etwa das orthodoxe

    Um Pardon, aber das ist so ganz falsch. Der Zentralrat war immer und ist das leider heute auch noch Sprecher der etablierten orthodoxen Gemeinden, nicht der in den letzten Jahren neu- und wiederentstandenen liberalen Gemeinden.

    Das wird immer wieder verwechselt, aber in orthodoxen Synagogen laufen keine Typen mit Schläfenlocken rum. Orthodox ist nicht gleich ultraorthodox! Bis zur Wende gab es in Deutschland nur orthodoxe Gemeinden, der ZDJ ist klassischerweise und immer noch deren deutschlandweite Repräsentanz.

    Kramer übrigens ist Konvertit, und das sagt eigentlich immer und überall auch schon alles.

  2. Danke für den Hinweis und Willkommen auf unserem Blog!

    Meine Einschätzung, dass die Tendenz eher aus der orthodoxen Richtung weggehen würde, rührte aus der Tatsache, dass es gerade in diesem Bereich Versuche gab und gibt, Vertretungen außerhalb des Zentralrats zu gründen, beispielsweise in Form des „Bundes Gesetzestreuer Jüdischer Gemeinden in Deutschland“ oder der „Arbeitsgruppe der Jüdischen Emigranten im Land Brandenburg“.

    Ähnliche Abspaltungen in der Gegenrichtung waren mir bis dato noch nicht bekannt geworden.

    Wenn mein Eindruck falsch war, nehme ich das gerne zur Kenntnis.

  3. „Dass linksradikale und atheistische Einpeitscher die unsäglichen Äußerungen des „Piusbrüder“-Bischofs Williamson zum Holocaust zum Anlass nehmen würden, Hass gegen den Vatikan zu schüren, war vorhersehbar. Sie gleichen in ihrem blinden Hass dem PI-Spektrum, das jeden halbwüchsigen türkischstämmigen Discothekenschläger zum Auftragstäter des islamistischen Welteroberungsstrebens erhebt.“
    Lieber loyalbushie, bist du anders?
    was dem PI-Jünger der Islam ist dir alles nur irgendwie Linke oder Sozialistische. Auch du verurteilst von vornherein ohne Abwägung alles, weil es vieleicht links ist war oder gewesen sein wird!
    Inhaltlich stimme ich dir zu, wobei natürlich diese PiusBrüder- Geschichte aus jüdischer Sicht schon etwas fragwürdig ist.

  4. P.S.: Netter bLOG. Und ein schönes neues Jahr!

  5. Danke für das Lob und Dir auch ein schönes neues Jahr!

    Ich lebe seit 1 Jahr in den Neuen Bundesländern, bin also zu 80% von Konfessionslosen und zu einem hohen Prozentsatz auch von Anhängern oder Wählern der Linken umgeben. Persönlich komme ich prima mit den Leuten hier klar.

    Hier im Internet ist allerdings offenbar der Anteil derjenigen sehr hoch, die nicht mit den Linken oder Konfessionslosen vergleichbar sind, die man jeden Tag trifft und die normale Leute mit dem Herz am rechten Fleck sind. Hier sind eher fanatische Ideologen unterwegs, die sich auf Grund ihres angelesenen Wissens für klüger, besser und toller als alle anderen halten und entsprechend auftreten. Und deshalb kann es passieren, dass die Reaktionen auf bestimmte Dinge hier auf dem Blog oder im Forum teilweise sarkastisch oder pointiert ausfallen.

    Allerdings auch nicht immer… guck mal in den anderen Thread, wo zB die Initiativgruppe München mitschreibt. Die steht politisch links und ist gegen Bush, Palin usw. (ebenso wie die muslimischen Kommentatoren hier), aber die Debatten untereinander sind sehr respektvoll und bereichernd.

    Es macht eben immer der Ton die Musik… draußen wie hier im Internet…

  6. „Dass Stefan Kramer deren dogmatische Urteile [in Bzg. auf die kath. Kirche] so unkritisch übernimmt“

    Ich denke eher, daß Stefan Kramer hier vor allem für sich selbst sprach. Genauso sprach er für sich selbst, als er auf die zugegebenermaßen saublöde Äußerung Wulffs von einer „Pogromstimmung gegen Manager“ dessen Rücktritt forderte. Weit zurückhaltender scheint er hingegen bei Entgleisungen von Politikern aus dem linken und grünen Spektrum aufzutreten, was meine Skepsis gegenüber dem Mann nicht gerade schwächt.

  7. Eine gewisse Neigung zur Selbstdarstellung kann man Kramer wohl nicht absprechen. Auch kennt er die Mechanismen der linken Meinungsmache sehr gut. Empörung gegen konservative Politiker oder gegen den Papst wird dort wesentlich dankbarer aufgegriffen als Angriffe gegen ausgewiesene Gutmenschen.

    Wobei allerdings die Wortwahl im angesprochenen Fall bei Wulff ähnlich unglücklich war wie die inhaltliche Kritik an der bewusst geschürten Sozialneid-Stimmung berechtigt.

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