loyalbushie

Vaclav Havel und die Sudetendeutsche Friedensarbeit

In Politik on Januar 9, 2010 at 12:31 pm

Es war die Zeit der großen Träume und – bei aller Ungewissheit, was aus diesem Aufbruch noch werden sollte – des Bewusstseins, etwas miterlebt zu haben, was die Welt, in der man lebte, für immer verändern würde. Und es war auch die Zeit, mit kleinen Worten oder Gesten Dinge zu sagen, deren Wirkung eine bleibende sein würde, auch wenn der Rausch der unvergesslichen Tage, Wochen und Monate nach einiger Zeit den Ernüchterungen weichen sollte, die der Auftrag mit sich bringen würde, auf diesem Gottesgeschenk eine irdische Zukunft aufzubauen.

Man muss dem fränkischen EVP-Europaabgeordneten Martin Kastler sehr dankbar sein, dass er seine politische Verantwortung in Straßburg nutzt, um noch einmal das in Erinnerung zu rufen, was vor 20 Jahren im Osten Deutschlands und im Osten Europas geschah und was dies für uns in Deutschland, für die Menschen in den Nachbarländern und in ganz Europa bedeutet.

In seiner Presseerklärung vom 8.1.2010 erinnert Kastler an eine symbolträchtige Geste des antikommunistischen tschechischen Widerstandshelden und zu jener designiertem Staatspräsidenten der freien CSFR, Vaclav Havel, als dieser am 2.1.1990 München besuchte – noch bevor er sich erstmals auf den Weg in die (viele werden jetzt denken „leider nur“😉 ) damalige Bundeshauptstadt Bonn machte und nur wenige Monate nach seinem wegweisenden Brief an den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom November 1989, in dem er das Leid der vertriebenen Sudetendeutschen anerkannte und das an ihnen geschehene Unrecht mit den Worten verurteilte: „Sie erschien mir immer als eine zutiefst unmoralische Tat, die nicht nur den Deutschen, sondern vielleicht in noch größeren Maße den Tschechen selbst Schaden zugefügt hat, und zwar sowohl moralisch als auch materiell.“

Wie viel Mut zu einem solchen Bekenntnis gehört hat, konnte man erkennen, als die Aufbruchsstimmung von 1989/90 den Herben des wirtschaftlichen Umgestaltungsprozesses gewichen war. Jahrzehntelange kommunistische und nationalistische Propaganda (hier zeigt sich einmal mehr, wie nahe sich beide Verirrungen sind) hatten auch in Tschechien den Nährboden für spätere Erfolge politischer Wirrköpfe wie Miroslav Sládek oder Milos Zéman aufbereitet, die mit – wie man es frei nach heutigen, hiesigen Bloggerszenen euphemistisch ausdrücken könnte – „deutschenkritischen“, aber auch „juden-, roma- und zuwanderungskritischen“ Anmerkungen das Klima vergifteten. Die Konsequenzen aus dieser Entwicklung zeigen sich noch heute in rassistisch motivierten Ausschreitungen, die in Teilen Tschechiens auftreten und dem Ansehen des Landes im Ausland schaden.

Die Geschichte hat die Sudetendeutschen für ihr Vertreibungsschicksal entschädigt. Viele von ihnen konnten sich gerade im bayerischen Raum eine neue Existenz schaffen und sich ein Leben in Wohlstand und Freiheit aufbauen. Und viele von ihnen trugen ihren Teil dazu bei, die Grundlagen für eine Überwindung des Ungeists von Gestern zu schaffen und Tschechen wie Deutschen die Gelegenheit zu bieten, eine gemeinsame Zukunft in Europa aufzubauen.

Zu ihnen gehört die Ackermann-Gemeinde des sudetendeutschen Katholiken Adolf Ullmann, der die Entwicklung seit dem Sturz der kommunistischen Diktatur in Tschechien und den großen symbolischen Akten Vaclav Havels wie folgt zusammenfasst: „Seit dem Besuch Václav Havels in München haben die unzählbaren Kontakte die deutsch-tschechischen Beziehungen ins Positive gewendet. Solche Begegnungen und Verhandlungen fanden auf Ministerebene bis hin zu den Kommunen, Diözesen und Pfarrgemeinden sowie auf der Ebene der Verbände, Vereine und gesellschaftlichen Gruppierungen statt. Nicht zuletzt auch die Aktivitäten der Ackermann-Gemeinde haben zu einer neuen Qualität der Nachbarschaft geführt. Diesen Prozess wollen und werden wir weiter fördern.“

Die gemeinsame Erklärung Martin Kastlers und Adolf Ullmanns endete in einer Aufforderung an den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, noch vor dem nächsten – dem mittlerweile 61. – Sudetendeutschen Tag, der vom 30.-31.5.2010 in Augsburg stattfinden wird, der Regierung in Prag und dem tschechischen Volk einen Besuch abzustatten.

  1. Die Präsenz der Ackermann-Gemeinde in den Medien und ihre tatsächliche Stärke in der sudetendeutschen Volksgruppe stehen in einem krassen Mißverhältnis. Ihr Credo der bedingungslosen Versöhnung und des Verzichts auf moralische und materielle Wiedergutmachung für den Genozid und den Jahrhundertraub an mehr als 3 Millionen Menschen wird nur von einer verschwindenden Minderheit der Vertriebenen gutgeheißen. Auch wenn das Grüppchen christlicher Gutmenschen es nicht wahrhaben will: Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit läßt sich nicht allein mit Streicheleinheiten aus der Welt schaffen – das hat die Geschichte oft genug bewiesen.

  2. Wir Deutsche haben keinen guten Grund, uns zu beklagen, weder über die Bombardierung unserer Städte noch über die Vertreibungen. Millionen Deutsche sind umgekommen – aber wir haben das selber zu verantworten.

    Andererseits freut es mich, wenn zum Beispiel ein Brite – A. C. Grayling – in seinem Buch „Among the Dead Cities“ die britisch-amerikanische Flächenbombardierung umsichtig analysiert und zu dem Ergebnis kommt: Es war ein Kriegsverbrechen.

    Ich sehe das auch so – aber ich als Deutscher kann mich in dieser Sache nicht beklagen – aufgrund unserer eigenen Verantwortung für all das Grauen, das im 2. Weltkrieg geschehen ist.

    Im Falle der Vertreibungen ist es ebenso. Wunderbar, wenn ein Vaclav Havel sagt, was zu sagen ist. Und wie loyalbushie bin ich dafür dankbar.

    rubezahl hingegen verleugnet den Zusammenhang zwischen Vertreibung einerseits und deutscher Aggression, deutschem Terror, deutschem Massenmord andererseits. Die sind der Vertreibung vorausgegangen:

    Wir haben die Hölle geschaffen, rubezahl, in der wir dann selber verbrannt worden sind.

    • Oder kurz: Halt die Klappe, Nazi! Warum müssen Verbrechen und Grausamkeiten gegeneinander aufgewogen werden? Das ist menschenverachtend allen Opfern gegenüber, auch Opfern des „Dritten Reichs“.

      Lieber InitativGruppe, dieses „Wir“ benutzte erst kürzlich Köhler vortrefflich:

      http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/auf-ein-gutes-neues-teil-i/

      • Ich spreche nicht vom „gegeneinander aufwiegen“, sondern stelle einen Zusammenhang her. Wenn ich dich grün und blau und krankenhausreif schlage und du revanchierst dich später, indem du mir ein blaues Auge schlägst, wird wohl jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand in der Lage sein, letzteres mit ersterem kausal zu verbinden – und mir sagen: Wieso beklagst du dich?

        Weitere Argumente meinerseits: Siehe 14. Januar.

  3. Was mir gerade an der Friedensarbeit der Ackermann-Gemeinde gefällt, ist, dass sie auf eindimensionale Sichtweisen verzichtet und den Nationalismus – neben dem Sozialismus/Kommunismus die folgenschwerste Verirrung der Moderne – hinter sich lässt.

    Klar konnten die meist noch im Jugendalter befindlichen Vertreibungs- oder Bombenopfer nichts für Hitlers Krieg, aber wie die Nazis in den überfallenen Gebieten wüteten, darf als Vorgeschichte nicht vergessen werden (übrigens auch nicht, wie Stalin den braunen Horden 1939 im Rahmen des Teufelspaktes, den Molotow und Ribbentrop unterzeichnet hatten und in dem unter anderem die Aufteilung Polens vereinbart wurde, praktisch noch einmal eine gesonderte Einladung zum Angriffskrieg überreicht hatte).

    Was Links- und Rechtsextreme zB jedes Jahr am 13. Februar in Dresden abziehen, ist nichts anderes als politische Leichenschändung.

    Wie wertvoll dagegen, wenn es in Deutschland Initiativen wie die Ackermann-Gemeinde gibt, in Tschechien weitsichtige Politiker wie Vaclav Havel und in den Siegerstaaten Historiker, Politiker und Verbände, die dafür wirken, dass Nationalismus und Völkerhass keinen Raum mehr bekommen.

  4. Wie die InitiativGruppe schäme auch ich mich für die Untaten der Nazis, für ihre Aggression und die unfaßbaren Massenmorde. Diese Schuld traumatisiert das deutsche Volk bis heute und wird ihr kollektives Gewissen vermutlich in alle Zukunft belasten.

    Fairneß, Gerechtigkeit und die Gefahr der nationalen Lähmung verlangen allerdings nach Differenzierung. Wann immer individuelle Schuld vorliegt, ist sie entsprechend zu ahnden. Kollektive Schuld hingegen ist juristisch nicht faßbar und rechtfertigt in keinem Fall kollektive Vergeltung.

    Vertreibungen sind fast immer staatlich gelenkte Akte der Vergeltung, die dem Verdikt des Völkerrechts unterliegen. Sie können, wie beispielsweise im Falle Polens, Reaktion auf barbarische Verbrechen sein und somit auf ein gewisses Verständnis zählen. Sie können aber auch – wie im Falle Tschechiens – der Befriedigung niedriger Instinkte und überwiegend der Bereicherung dienen, weil zuvor zwar eine arge Demütigung, aber keine flächendeckende Barbarei stattgefunden hat, die millionenfache Vertreibung und tausendfachen Mord erklärbar machen würde. Tschechien war als deutsche Nachschubbasis während des Krieges in jeder Hinsicht privilegiert: kein Wehrdienst für Tschechen, keine Bombardierungen und Zerstörungen, Versorgungslage in jeder Hinsicht besser als im „Reich“.

    Überdies beginnt das Drama der Vertreibung und des Jahrhundertraubes an mehr als 3 Millionen Menschen im Sudetenland nicht erst im Zweiten Weltkrieg, sondern bereits 1918 mit dem Ende der Habsburger-Monarchie, als den seit Jahrhunderten in Böhmen ansässigen Altösterreichern das Selbstbestimmungsrecht verweigert wurde, das die Tschechen aber für sich in Anspruch genommen haben.

    Der materielle „Gewinn“ aus den entschädigungslosen Totalenteignungen jedenfalls ist gigantisch: Er umfaßt rund ein Drittel des gesamten Volksvermögens der damals noch vereinten Tschechoslowakei und übersteigt den Wert der Marshallplanhilfe für 14 Staaten! Das macht die Raubsicherungspolitik des Vaclav Klaus verständlich, der dafür sogar den Ausschluß seines Volkes von der Europäischen Menschenrechtskonvention in Kauf nimmt.

  5. 1

    „Kollektive Schuld hingegen ist juristisch nicht faßbar und rechtfertigt in keinem Fall kollektive Vergeltung. “ (rubezahl)

    Schuld ist immer persönlich. Aber es gibt auch so etwas wie kollektive Verantwortung.

    Wenn in Deutschland Deutsche im deutschen Namen Angehörige von Minderheiten umbringen, bin ich daran nicht schuld, aber ich sehe meine Mitverantwortung – und aus der heraus reagiere ich. Es geht mich was an! Deutsche tun da etwas in meinem Namen!

    Wir feiern, wenn unsere (!) Nationalmannschaft gut spielt und gewinnt – da gewinne ich mit. Wir sind stolz, dass unsere Waren im Ausland so gefragt sind, auch wenn ich selber an der Produktion nur sehr indirekt (als Lehrer) beteiligt bin. Ich bin immer auch ein bisschen stolz auf meine Stadt München, wenn ich amerikanische Studenten über München erzähle oder sie auf Spaziergänge mitnehme.

    Es gibt also dieses Kollektive, dieses Gemeinschaftliche. Im Positiven – aber auch im Negativen. Daraus folgt für mich das Gefühl der kollektiven Verantwortung.

    Darum kann ich sagen: WIR DEUTSCHE haben die Verbrechen des 3. Reiches zu verantworten – und die Konsequenzen zu tragen.

    2

    WIR haben damals diese Hölle geschaffen – und ein Resultat dieser Hölle bestand darin, dass es kein Halt mehr gab, als die Tschechen auf die jahrelange, auch staatsterroristisch abgesicherte deutsche Okkupation und Demütigung mit der Vertreibung der Sudetendeutschen und der Aneignung ihres Eigentums reagiert haben.

    Wäre rubezahl Tscheche, wäre er vielleicht ein Fan von Vaclav Klaus, und wäre er ein Tscheche des Jahres 1845, hätte er vielleicht an dem Verbrechen mit teilgenommen.

    Das Problem von Klaus & rubezahl ist: Sie können und wollen schlimme, sie persönlich erregende Angelegenheiten nicht mit den Augen der anderen Seite sehen.

    Das ist eine Charakterfrage, die immer wieder zu einer politischen Frage wird.

    Leute, die dazu neigen, sich in die Gegenseite, in den Feind hineinzuversetzen – Leute, die „compassionate“ sind, Empathie haben – finden leicht zum Dialog, zum Kompromiss, zur Freundschaft, zum Verzeihen.

    Leute, die von Grund auf dazu neigen, Empathie denen gegenüber zu verweigern, die andere Interessen oder Einstellungen haben als sie, tendieren zur Aggression, zur gewaltsamen Lösung des Gegensatzes, zu Krieg und Bürgerkrieg.

    Ich glaube, man kann sich nicht selbst empathisch machen, man ist es oder ist es nicht. Das ist keine Sache der freien Wahl. Wir sind halt so – oder so. Ein empathischer Mensch wie ich kann mitfühlen, wie es einem nicht-empathischen Menschen geht, der wiederum meine Empathie nicht verstehen kann und glaubt, meine Empathie bedeute eine verräterische Parteinahme für den Feind, oder einen Verrat an der eigenen Sache.

  6. Mag sein, dass die Fähigkeit zur Empathie unterschiedlich ausgeprägt ist. Uneingeschränkt dürfte sie jedoch nicht sein. Mag sein, dass Erziehung, Prägung oder Umfeld diese Fähigkeit stärken können, aber sie findet meist auch Grenzen.

    Als Christ, dem Religion wichtig ist, kann ich mich in die Situation eines gläubigen Muslimen besser hineinversetzen und dadurch mehr an Empathie empfinden als zB gegenüber einem rassistischen Nazi, einem Hedonisten oder aggressiven Atheisten, auch wenn Letzterer meine Sprache vielleicht wesentlich besser spricht.

    Als Kleinstadtmensch komme ich mit einfachen Leuten besser klar als zB mit irgendwelchen urbanen Bohème-Angehörigen aus dem Studentenviertel.

    Es ist nicht immer gleich leicht, Situationen mit den Augen der anderen zu sehen. Es hängt manchmal nicht nur vom guten Willen ab, sondern auch von der Fähigkeit, überhaupt eine gemeinsame Grundlage zu finden.

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