loyalbushie

Asyl für Homeschooling-Eltern

In Gesellschaft, Recht, Tagesgeschehen on Januar 27, 2010 at 10:56 pm

Sie haben es geschafft: Wie die Home School Legal Defense Association (HSLDA) mitteilt, hat das zuständige Gericht in Memphis, Tennessee, dem Asylantrag der aus Bissingen stammenden, 7-köpfigen Familie des Musiklehrers Uwe Tomeike und seiner Frau Hannelore, stattgegeben. Die Romeikes waren aus Deutschland in die USA geflüchtet, nachdem sie infolge ihrer Absicht, die Kinder entgegen den landesgesetzlichen Bestimmungen über die Schulpflicht zu Hause zu unterrichten, in Deutschland strafrechtliche Verfolgung und die behördliche Entfernung der Kinder aus ihrem Familienverband befürchtet hatten.

Familie Romeike ist nicht die einzige „Homeschooling“-Familie in Deutschland. Während einige Schulbehörden sich um gütliche Einigungen mit Eltern bemühen, die aus religiösen Gründen Vorbehalte gegen das staatliche Schulsystem in Deutschland haben, verfolgen andere Schulverweigerer mit Geld- und Haftstrafen oder dem Entzug des Erziehungsrechts. Über ähnlich hartes Vorgehen gegenüber Schülern und deren Eltern, die nicht aus religiösen Gründen unentschuldigt der Schule fernbleiben, sondern stattdessen im Einkaufszentrum abhängen, ist übrigens nichts bekannt.

Das Gericht in Memphis stellte fest, dass Deutschland mit seinem Vorgehen gegen Homeschooling-Eltern „grundlegende Menschenrechte“ verletze, die zu verletzen kein Staat das Recht habe. Richter Burman äußerte, diese Verfolgungspraxis würde – obwohl Deutschland ein demokratisches Land sei – „all dem zuwiderlaufen, woran wir als Amerikaner glauben“.

Von dem Urteil erhoffen sich viele Homeschooling-Eltern in Deutschland und in ganz Europa, wo in vielen Staaten eine ähnliche staatsautoritäre Vorgehensweise üblich ist, nun eine Signalwirkung. Sollte diese Praxis nicht verändert werden und die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzt werden, könnte der Fall Romeike als Präzedenzfall weiteren Familien die Zuflucht in den USA ermöglichen.

Uns Deutschen sollte dieses Urteil zu denken geben. Dass Bürger dieses Staates, die keinerlei Illoyalität gegenüber dem Staat als solchem gezeigt hatten und die wenn, dann nur durch Strebsamkeit, Fleiß und Rechtschaffenheit aufgefallen sind, sich zur Flucht genötigt sehen und in einem anderen demokratischen Staat als „politisch Verfolgte“ anerkannt werden, als wären sie aus Eritrea, Uganda oder Kuba, ist kein Ruhmesblatt.

Eine Gesellschaft ist nicht dadurch eine freie, dass der gesellschaftliche Mainstream nun eben linksliberal ist statt wie früher mal nationalistisch oder kommunistisch, sondern dadurch, dass es das Recht auf Abweichung von diesem Mainstream gibt. Es geht nicht um eine pauschale Verdammung des staatlichen Schulsystems in Deutschland, wo es neben zweifellos vorhandenen Rütlischulen mit Gewalt, Mobbing und Anarchie zum großen Teil Schulen mit engagierten und ehrenwerten Lehrkräften gibt. Aber es geht um das Recht von Menschen, ihr Leben nach ihren Überzeugungen zu gestalten und darum, Eltern das Recht zu geben, ihre Kinder nicht einem Konformitätsdruck aussetzen zu müssen, der ihrem Wohl zuwiderläuft. Außerdem täte dem staatlich kontrollierten Schulsystem ein wenig Konkurrenz möglicherweise ganz gut…

Diese Problematik betrifft nicht nur das Schulwesen, sondern auch die Debatte um so genannte „Parallelgesellschaften“. Einzelne Schulen, aber auch öffentliche Einrichtungen in Europa verbieten jetzt schon das Tragen religiöser Kleidung, neben christlichen Kreuzanhängern betrifft dies vor allem auch islamische Kleidungsstücke wie Hijab, Niqab oder Burqa. In zahlreichen Ländern stehen Verbote in dieser Richtung bevor.

Das Argument der Verhinderung so genannter „Parallelgesellschaften“ offenbart, wie stark Europa nach wie vor in seiner autoritären, obrigkeitsstaatlichen Tradition gefangen ist. Die USA bestehen seit ihrer Gründung aus Hunderten und Tausenden solcher „Parallelgesellschaften“, ohne dass der Staat zerfällt oder im Chaos versinkt. Wie konnten die Amerikaner bloß die letzten 200 Jahre überleben, so ganz ohne die europäische Einsicht, dass der Staat am Besten weiß, was für seine Bürger gut ist und ohne die Praxis, bei Bedarf der Fortschrittlichkeit auch mal mit brachialen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen?

  1. Servus,
    ich kann ehrlich gesagt auch nicht verstehen, warum man hier nicht flexibler umgeht mit solchen Ideen. Solange man kontrollieren kann, ob die Kinder ausreichend gebildet werden, gibt es doch eigentlich kein Problem.
    Ich hab allerdings auch nichts dagegen, dass es Aufklärungsunterricht gibt und meinetwegen kann man auch Evolutionstheorie usw. unterrichten, solange das Recht besteht, dem andere Überzeugungen gegenüberzustellen, Kinder sollen ja lernen ihren Kopf zu gebrauchen.

    Solange man nicht meint, Mädchen müssten nicht Mathe lernen und Jungen nicht kochen, alles gut. Wobei mindestens in einigen Fächern sich ja Geschlechtertrennung als sinnvoll erweist, das stellt man ja auch hier fest. Im Iran studieren ja auch nicht ohne Grund so viele Frauen technische und naturwissenschaftliche Fächer.

    Die USA sind da wirklich interessant. Was machen eigentlich die Amish und Co.? Haben die auch eigene Schulen?

    Und wo heute die EU in alles reinredet – hat denn das homeschooling Verbot vor dem EuGH Bestand? Hat das schon mal jemand eingeklagt?

    Hätte ich noch kleine Kinder wüsste ich die auch lieber in einer islamischen Schule. Dafür müsste ich dann wohl nach Wien umziehen,🙂

    Na inschallah fühlt sich die Familie dort wohl und findet auch ihr Auskommen.

    Grüße von Meryem

  2. Beim EGMR (nicht EuGH, der ist für Menschenrechte nicht zuständig) wird das „E“ sehr groß geschrieben, das „MR“ nur insoweit, als es den staatssozialistischen Konsens in Europa nicht stört. Deshalb gibt es Elternrechte und Religionsfreiheit für ihn weitgehend nur als „Freiheit von Religion“, nicht als Freiheit der Religionsausübung. Das bluthilde-Blog hat einen bissigen Beitrag zu dessen Rechtsprechung (die unter anderem zB sogar das Kopftuchverbot in der Türkei als zulässig gewertet hat) verfasst.

    In den USA hingegen ist die Skepsis gegenüber staatlicher Macht sehr groß, dort stehen Selbstverantwortung und Selbstorganisation im Vordergrund. Die Amish zB werden dort in Ruhe gelassen, müssen im Gegenzug aber selbst zusehen, wie sie ihr Leben organisieren können. Deshalb wird aber dort auch die Schulbildung in Eigenregie organisiert, entweder in den einzelnen Familien oder von der Gemeinde aus. Nach europäischen Maßstäben hingegen würden die Amish als „Parallelgesellschaft“ angesehen und ihre Gemeindestrukturen würden wahrscheinlich durch obrigkeitliche Maßnahmen zerschlagen.

    In den USA gibt es auch das Voucher-System (auch eine wie ich finde geniale Idee von George W. Bush im Zusammenhang mit dem „No child left behind“-Programm), das sind zweckgebundene Bildungsgutscheine, die Eltern ausgehändigt bekommen (sie können diese also nicht zB in Alkohol oder Urlaubsfahrten investieren) und die sie entweder für öffentliche Schulen, Privatschulen oder selbst organisierte Bildungsformen (zB Homeschooling) verwenden können.

    Eine ähnliche Lösung wäre ohne Weiteres auch hier mit dem Grundgesetz vereinbar, denn dieses spricht ja nicht von Schulzwang (das ist in Landesgesetzen geregelt), sondern nur von „staatlicher Aufsicht“ über das Bildungswesen. Wenn man aber zB das Gebäude der BaFin betritt, die die „Aufsicht“ über die Finanzdienstleister führt, wird man dort keine Geldanlagen tätigen oder Versicherungen abschließen können, sondern es wird dort nur kontrolliert, ob die auf dem Markt tätigen privaten Unternehmen, die sich selbst ihre Versichertengemeinschaften (und ihre individuellen Angebote) organisieren, gewisse Vorgaben einhalten, die sie erfüllen müssen. „Aufsicht“ muss also nicht bedeuten, etwas auch selbst zu betreiben. Das Verbot des Heimunterrichts in Deutschland wurde übrigens 1938 unter der Regentschaft des Gröfaz veranlasst.

    Mich wundert allerdings, dass zB Österreich auf diesem Gebiet so liberal (im positiven Sinne des Wortes) ist… normalerweise ist dieses Land im Zweifel immer noch staatsinterventionistischer als Deutschland.

  3. […] das Rütlischulsystem ablehnt, wer das Vorgehen gegen Homeschooling-Eltern oder Christen, die sich der Untergrabung ihrer Erziehungsbemühungen durch das staatliche […]

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