loyalbushie

Vom Antiamerikanismus besoffen

In Gesellschaft, Kultur und Zeitgeist, Politik on März 13, 2010 at 11:25 pm

Vor einigen Wochen hatte hier und auf dem bluthilde-Blog ein sich zu den „Grünen“ bekennender und sich trotzdem oder aus seiner Sicht gerade deshalb zur „politischen Mitte“ rechnender – Zeitgenosse mit wilden Tiraden im Kommentarbereich Aufsehen erregt, der ob meiner Darstellung, die Gesellschaft hier bei uns bzw. vor allem die veröffentlichte Meinung und das öffentliche Bewusstsein hätten die so genannte „Mitte“ dorthin verschoben, wo vor gar nicht so langer Zeit noch die radikale Linke gewesen wäre, regelrecht hyperventilierte. Gleichzeitig beschimpfte er die US-amerikanischen Republikaner – immerhin eine Partei, die seit Gründung der USA über insgesamt schon mehrere Jahrzehnte Senatsmehrheiten erlangt und Präsidenten gestellt hatten – als „rechtsextrem“ und legte wortreich dar, dass Personen, die hier in Deutschland Sympathien für die Politik der USA unter republikanischen Administrationen empfinden oder gar äußern würden, außerhalb des demokratischen Konsenses stünden – das wäre dann übrigens im Westen erstmals seit 1945, im Osten erstmals seit 1989 der Fall.

Schwarz-grüne Koalitionen seien hingegen das Zukunftsmodell,  sie würden den breitesten Konsens innerhalb der deutschen Bevölkerung widerspiegeln. Zum Vergleich: Im Juli 1989 betonte der damalige CDU-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl noch in einem Fernsehinterview, seine Partei würde nur mit Parteien der Mitte und nicht mit den Rändern koalieren wollen und dass diese Ansage „für die Kommunisten genauso wie für die Grünen und für die Republikaner genauso wie für die NPD“ gelte.

Wer sein Denkvermögen noch nicht vollständig in das ideologische Korsett dieses eben skizzierten heutigen Konsenses gezwängt hat und entweder selbst noch beispielsweise die 80er-Jahre einigermaßen wach erlebt oder zumindest Eltern hat, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, ist eingeladen, hier mit mir zusammen ein wenig zurückzublicken.

Ich möchte jetzt bewusst auch Themen wie den so genannten „Wertewandel“ oder das – zum Teil ja damals schon modische – Papst-Bashing außen vor lassen, ebenso den zunehmenden Antisemitismus, und mich erst mal ganz ganz allein auf die Haltung weiter Teile der Eliten und der veröffentlichten Meinung gegenüber den USA beschränken. Denn alleine schon an diesem Thema wird deutlich, dass die Einschätzung, das gesellschaftliche Klima in unserem Lande bzw. in weiten Teilen Europas habe sich im Laufe der letzten Jahrzehnte wieder in eine ungesunde, einseitige, extreme und ideologisch aufgeladene Richtung verschoben, zutreffend ist.

Denkt man an die 80er-Jahre, ja sogar noch an die zweite Hälfte der 90er-Jahre zurück, war Antiamerikanismus tatsächlich noch weitgehend eine Angelegenheit sozusagen „politisch verhaltensorigineller“ Gruppen, die gemeinhin am äußersten linken oder rechten Rand des politischen Spektrums der Bundesrepublik Deutschland eingeordnet wurden. Es lebten damals noch viele Menschen aus der Weltkriegsgeneration, nicht wenige von ihnen standen sogar noch im Erwerbsleben, und ihnen war noch in wacher Erinnerung, wie unterschiedlich sich nach 1945 das Leben in jenen besetzten Teilen Deutschlands entwickelte, die unter Kontrolle der USA standen, im Vergleich zu jenen, die unter sowjetischer Kontrolle standen.

Die Erinnerungen an die ersten Care-Pakete, an die Luftbrücke, an das Versprechen der USA, den frei gebliebenen Teil Europas gegen den Kommunismus zu beschützen: Das alles prägte nachhaltig die bürgerliche Gesellschaft. Zwar versuchten die intellektuellen Eliten aus der 68er-Generation, die von ihnen nach und nach eingenommenen Medien, die von Moskau aus ferngesteuerte „Friedensbewegung“ die damals marginalisierten extremistischen Gruppierungen wie DKP, MLPD oder NPD und die vorwiegend von 68er-Protagonisten, naiven „Friedensbewegten“ und langjährigen K-Grupplern geformten „Grünen“, die positive Haltung der Bevölkerungsmehrheit zu Amerika als Teil ihres ideologischen Konzepts negativ zu beeinflussen – der Erfolg blieb aber vorerst bescheiden. Kaum ein Jugendlicher der 80er-Jahre empfand auch nur die geringste Scham, wenn er zu McDonalds ging, „Braddock“-Filme sah oder die Musik aus den US-Top 40 jener von Bruce & Bongo oder Stefan Remmler vorzog.

Noch unmittelbar nach dem 11. September 2001 war noch etwas zu spüren von einer Verbundenheit innerhalb der Bevölkerung gegenüber den USA und die Solidarität überwog bei weitem die schadenfrohe und hasserfüllte Häme, wie sie etwa aus den Reihen der NPD oder linksextremistischer Gruppen kam.

Heute hingegen stellt es einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Political Correctness dar, öffentlich seine Verbundenheit mit den USA zu äußern, sofern diese sich nicht auf die Administration Obama beschränkt.

"DDR"-Propaganda der 50er-Jahre

Der Antiamerikanismus ist heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor einigen Monaten durfte ich ein berufliches Weiterbildungsseminar miterleben, im Rahmen dessen ein langjähriger Banker und Investmentexperte – also eigentlich jemand, dem man blinden Gehorsam gegenüber ideologischen Vorgaben von Linkseliten nicht von vornherein zutrauen müsste – beiläufig die Entwicklung der Börsenkurse in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts damit erklärte, dass „die Amerikaner den 11. September inszeniert“ hätten, „um ihre nächsten Kriege zu rechtfertigen“. Die Debatte, die sich infolge des von mir darüber geäußerten Unmuts in der Pause entwickelte, wies eindeutig darauf hin, dass der Anteil jener Bundesbürger, die an Verschwörungstheorien zum 11. September glauben, sehr hoch sein muss. Dass er unter der weitab von der alltäglichen Realität lebenden und in den Privilegien des elterlichen Reichtums angesiedelten urbanen, intellektuellen Elite überdurchschnittlich ist, wäre ja noch nachvollziehbar. Dass jedoch auch unter arbeitenden Normalbürgern aus kleinstädtischen oder ländlichen Regionen diese kruden Theorien verfangen, muss zu denken geben.

Durchgeknallte Hetzer wie die „Bandbreite“-Rapper, die Medienfirma „Nuoviso“, die „Infokrieg“-Bewegung oder das „allesschallundrauch“-Portal instrumentalisieren Unsicherheiten, offene Fragen und Ängste innerhalb der Bevölkerung, während sie mit ihren selektiv zusammengeschusterten Agitprop-Reportagen exakt den Nerv der zwangsbeschulten, halbgebildeten und konformismusaffinen Rütli-Generation treffen.

Der Antiamerikanismus in unserem Land und in Europa ist der Ausdruck eines gebrochenen Verhältnisses zu bürgerlichen Freiheitsrechten, des Rufs nach Herstellung einer notfalls mit Zwangsmitteln durchgesetzen Konformität unter den Bürgern und der Schwierigkeit, Andersartigkeit ertragen zu können, sobald diese den Rahmen der Vorgaben des herrschenden Zeitgeistes verlässt. Es sind meist die Gleichen, die die USA wegen Guantanamo oder der Todesstrafe angreifen, die gleichzeitig überhaupt kein Problem damit haben, hier in Europa religiöse Eltern in Gefängnisse zu werfen oder ihnen die Kinder zu entziehen, weil sie diese zu Hause unterrichten wollen oder die in Saddam Hussein oder den Taliban das Opfer sehen und in den USA und Israel die Täter.

Der Hang zum Staatsautoritarismus ist jedoch kein ausschließlich linkes Phänomen. Das zeigen etwa die Reaktionen auf den jüngsten Bericht des Außenministeriums der USA (dessen Inhalt und Tendenz – wie einige frühere Berichte zeigen – nicht entscheidend davon abhängt, ob ein Demokrat oder ein Republikaner dieses Ministerium führt), der im Wesentlichen das aussagt, was auch hier auf diesem Blog schon seit Längerem zur Sprache kommt: Nämlich, dass die aggressive Religionsfeindlichkeit in Europa beängstigende Ausmaße annimmt und sich gleichermaßen gegen Christen, Juden und Muslime richtet und dass dies ein Ausdruck totalitär-sozialistischer Vorstellungen ist, die in weiten Teilen der Gesellschaft an Einfluss gewinnen.

"Stürmer"-style antiamericanism: Titelbildmotiv der IG Metall

Ich habe hier in der Vergangenheit die islamkritische Szene in diesem Sinne scharf kritisiert und zu bedenken gegeben, dass der Kampf gegen Totalitarismus und Terrorismus das eine ist, das Recht auf Religionsfreiheit und der Schutz der Freiheitsrechte gläubiger Menschen hingegen das andere und dass beide nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Die USA führen den Krieg gegen den Terror unter anderem auch, um das Recht auf das Tragen religiöser Kleidung und den Bau repräsentativer Gebetsstätten zu verteidigen. Ich habe Forderungen nach Schleier- oder Minarettverboten deshalb auch als unfreiheitlich und unamerikanisch bezeichnet. Der angesprochene Bericht des US-Außenministeriums bestätigt diese Linie uneingeschränkt.   

Dass in den Kommentarspalten bürgerlicher Medien oder auch bei PI, das sich in seiner Selbstdarstellung bislang stets explizit als „proamerikanisch“ bezeichnet hatte, größtenteils die gleichen aggressiv-antiamerikanischen Reaktionen auf den Bericht zu lesen sind wie bei linken Mainstreammedien und ebensowenig Bereitschaft erkennbar ist, dieses Fremdbild Europas zum Anlass zu nehmen, die eigenen Positionen teilweise zu überdenken, unterstreicht, dass es tatsächlich einen breiten Konsens im Sinne eines ideologisch unterfütterten Antiamerikanismus in Deutschland gibt, der Züge eines Pawlowschen Reflexes trägt.

Wer sich „proamerikanisch“ nennt, sollte Amerika auch begreifen. Und sich bewusst werden, dass das Gesellschaftssystem der USA darauf beruht, dass sich der Staat darauf beschränkt, elementarste Rechtsgüter wie das Leben (was leider seit dem unsäglichen, von marxistischen Richtern gefällten Roe vs Wade Urteil auch in den USA nur zum Teil verwirklicht ist), den inneren Frieden und die persönliche Freiheit zu schützen und sich ansonsten nicht in das Leben der Bürger drängt. Eine Gesellschaft, die bei jeder Gelegenheit nach Verboten ruft (egal ob es um Homeschooling oder Schleier geht), ist damit nicht vereinbar. Auch Dreck wie Pornografie wird in einer solchen Gesellschaft nicht durch Verbote, sondern durch Verbreitungsbeschränkungen (zB gegenüber Minderjährigen oder im Fernsehen) reguliert. Die Idee hinter den USA ist nicht der Schutz einer Mehrheit oder irgendeines Konsenses vor Parallelgesellschaften, sondern der Schutz des Rechts des Einzelnen und jenes der unzähligen Parallelgesellschaften, allem, was einem nicht passt, einfach aus dem Wege gehen zu können.

Totalitären Kräften widerstrebt so etwas natürlich. Sie wähnen sich im Besitz der alleinigen Wahrheit, die durchzusetzen ihnen selbst und schon hier auf Erden zukommt. Und das Mittel hierzu ist der Staat – je stärker seine Kontrolle über alle Lebensbereiche, umso besser. Ein Land wie die USA, das beweist, dass Wohlstand, Freiheit und privates Glück auch ohne totale staatliche Kontrolle funktionieren, ist da natürlich ein willkommenes Feindbild.

Weite Teile unserer Gesellschaft sind mittlerweile so sehr vom Antiamerikanismus besoffen, dass ihnen die Fähigkeit zum Fassen klarer Gedanken abhanden gekommen ist. Die kruden Verschwörungtheorien von Personen und Gruppen, die teilweise sogar offen politisch extremes oder antisemitisches Gedankengut vertreten, werden geglaubt, weil sie das eigene antiamerikanische Vorurteil stützen.

Ich bin kein Mathegenie und mich haben naturwissenschaftliche Fächer nie besonders interessiert, aber folgende Erwiderung auf einen Kommentator im kath.net-Forum verstand sogar ich einigermaßen, sodass ich beispielhaft die Behauptungen von „allesschallundrauch“-Protagonist „Freeman“ exemplarisch heranziehen möchte, um zu zeigen, wie unseriös antiamerikanische 9/11-Truther und ähnliche Verschwörungstheoretiker arbeiten:

Freeman behauptet: „Die Route welche die Boeing 757 angeblich im Endanflug knapp über den Boden geflogen ist kann nicht sein, weil zum Beispiel ein 101 Meter hohe Sendemast rechts neben dem Navy Annex genau im Weg stand. […]Andererseits, wenn die Boeing 757 aber über die Antenne wäre, dann hätte sie sofort im Sturzflug runter gedrückt werden müssen um die 1. Laterne zu treffen, wie behauptet wird, um dann sofort wieder hochgezogen zu werden, um flach über den Boden in den ersten Stock rein zu fliegen und das bei 800 Kilometer pro Stunde! Ein fliegerisches Meisterwerk. Die G-Kräfte wären so stark gewesen, sie wäre auseinandergebrochen und vor dem Pentagon in den Boden rein geknallt.“

Wir möchten seine Behauptung, die Beschleunigungs- oder g-kräfte seien zu hoch, überprüfen. Dafür machen wir, wie Ingenieure sagen würden, konservative Annahmen, das heißt, im Zweifel nehmen wir Ausgangswerte an, die rechnerisch ehr zu höheren Belastungen als den tatsächlichen führen würden. Insbesondere glauben wir die Zahlen, die „Freeman“ vorlegt, wenn wir nicht pessimistischere haben. Bei der Geschwindigkeit glauben wir also dem Bericht des NTSB (nicht NTSA, wie Freeman fälschlich schreibt), das 236 m/s (oder 460 Knoten) angibt und nicht Freemans 800 km/h, das wären 222 m/s, denn eine geringere Geschwindigkeit würde geringere Beschleunigungskräfte bedeuten.

Wir nehmen an, daß das Flugzeug bis zum Einschlag im Punkt P (wie Pentagon) einer Kreisbahn gefolgt ist, die 1138m vorher 111m hoch war (Punkt T), damit das Flugzeug den Turm mit 10m „Sicherheitsabstand“ überfliegt (weniger würde zu geringerer Beschleunigung führen). Über die Beschleunigung bei der Bewegung auf einer Kreisbahn mit Radius r mit der Geschwindigkeit v weiß man:
a=v²/r

Wir müssen also nur den Radius r ausrechnen. Mit Freemans genauen Entfernungen, einem wissenschaftlichen Taschenrechner und altem Schulwissen in Geometrie ist das kein Problem. Wir wissen, daß in der Skizze die Strecke FP 1138m lang ist und TF 120m hoch ist. F markiert also den Fußpunkt des (angeblich) 101m hohen Turmes auf Höhe des Pentagongebäudes. Außerdem wissen wir, daß in F und P (w3+w9=90°) rechte Winkel sind:

Der Turm ist nicht schief und das Flugzeug soll laut Freeman waagrecht einschlagen. Man kann ferner beweisen, daß MTP ein gleichschenkliges Dreieck ist und deswegen w3=w4 ist.

Kennen wir erst den Winkel w5 im Punkt M, dann können wir mit
1138m = r * sin(w5) bzw. 1138m / sin(w5) = r
den Radius ausrechnen. w5 erhalten wir, wenn wir w9 kennen. Wir kennen dann nämlich auch w3=90°-w9 und wegen der Winkelsumme im Dreieck w5=180° – w3 -w4 =180°-2*w3. Den Winkel w9 können wir direkt ausrechnen (Bitte mir die Rundungen nachsehen und selber nicht vergessen, den Taschenrechner auf „Grad“ oder „deg“ zu stellen!):
w9 = arctan(120m / 1138m)=5,571°
Dann sind
w3 = 84,429°
w5 = 11,142°
r = 5889,032m
a = 9,458m/s²
Das ist die Zentrifugalbeschleunigung entlang der ganzen Kreisbahn. Kurz vor dem Einschlag wirkt sie senkrecht nach unten und addiert sich zur Erdbeschleunigung von 9,81m/s². Insgesamt ist die Beschleunigung bei dem „fliegerischen Meisterwerk“ nicht größer als die doppelte Erdbeschleunigung, also <2g. Solche Beschleunigungen sind im Kurvenflug von Verkehrsflugzeugen durchaus möglich, so daß Freemans Behauptung widerlegt ist.

[Man kann ausrechnen, daß die Straßenlaterne auf diese Weise tatsächlich getroffen worden wäre. Man kann allerdings bezweifeln, daß die Laterne tatsächlich 26m hoch ist. Dies entspräche der Höhe eines etwa 8stöckigen Hauses, das Pentagon hat aber viel weniger Obergeschosse und die Laternen überragen das Gebäude nicht so deutlich. Man kann weiterhin bezweifeln, daß der angeblich 101m hohe Turm tatsächlich so hoch ist. Bei Google ist nur ein 40m langer Schatten erkennbar. Wegen des höchsten Sonnenstandes zu einer Uhrzeit, die mit der Richtung des Schattenwurfes übereinstimmt, kann nach
40m * tan(maximaler sonnenwinkel)=24m
der Turm nicht sehr hoch sein. Sollen die 101m trotzdem stimmen, müßte man ein >8%iges Gefälle bis zur Laterne haben. Man kann ja bei Google Streetview Anzeichen für eine solche Steigung suchen.]

Wer möchte und ein Kind in der Oberstufe hat, kann mit ihm ja das Ganze mal als Übungsaufgabe machen…

  1. Der Verfasser dieses Artikels legt einen sehr arroganten Schreibstil an. Er setzt voraus, dass er mit seiner Meinung selbstverständlich recht hat, ohne dies zur Deabtte zu stellen.

    Wenn man ernsthaft die offizielle Version der Tathergänge des 11.9.01 glaubt und gleichzeitig anderen Unwissenheit vorwirft, ist eigentlich nur noch lächerlich.

  2. Grüß Gott,
    ich kann mal wieder nicht zustimmen (wer hätte das gedacht), folgen kann ich auch nicht immer, z.B. bei diesen Berechnungen zum 9/11 – ich bin mathematisch eine Niete und meine Schulzeit ist auch schon arg lange her. Allerdings sind nicht nur die Deutschen voller Zweifel, was die offizielle Version angeht, sondern auch ein Großteil der Amerikaner selbst. Und das alles unter der Überschrift „Verschwörungstheorie“ abzutun ist vermessen, es zweifeln ja nun wirklich auch genug sachkundige Personen vom Feuerwehrmann, über den Architekten bis zum Piloten an, was uns serviert wird. Das kann man nun wirklich nicht unter „Antiamerikanismus“ zusammenfassen.

    Weiter bin ich ganz anderer Meinung, was den Werteverfall der Gesellschaft angeht. Ich hab die 80er Jahre in der vollen Blüte meiner Jugend erlebt,🙂 – und man kann die Friedensbewegung, die uns damals zu Hunderttausenden auf die Straße gebracht hat, nicht als „von Moskau“ ferngesteuert ansehen. Damals hatten wir alle Angst vor einer Zuspitzung des Kalten Krieges durch die Stationierung von noch mehr Waffensystemen und es gab vor allem keinen Antiamerikanismus dabei – im Gegenteil, amerikanische Bürgerrechtler haben die Bewegung unterstützt.

    Meine Wahrnehmung zum „Werteverfall“ ist eine ganz andere, nämlich eine zunehmende soziale Kälte unter Herrn Kohl, zunehmende Bewertung von Menschen nach Leistung und einerseits die verschärfte Rationalisierung von Arbeitsplätzen mit gleichzeitiger Werbung für „Volksaktien“ damit das Volk an der Vernichtung seiner eigenen Arbeitsplätze interessiert ist.
    Das ist jetzt sehr verkürzt, aber gehört ja auch nicht direkt zum Thema. Ich hab übrigens nichts gegen Leistung. Nur darf der Wert eines Menschen nicht von dessen Leistungsfähigkeit abhängen.

    Ich bin wie bekannt eine sehr vehemente Kritikerin amerikanischer Außenpolitik. Zum „Inneren“ kann ich nicht viel sagen, behaupte aber, dass es dort genug Baustellen gibt an denen eine Regierung sich abarbeiten kann, statt ständig die ganze Welt beglücken zu wollen. Aber ich nehme keiner US-Regierung ihre Kriege gegen-was-auch-immer als uneigennützig ab. Irak, Vietnam – wer Länder verseucht und kaputt hinterlässt, und dann am Wiederaufbau bestens verdient, macht sich irgendwie unglaubwürdig. Wer Diktatoren erst benutzt und dann beseitigt auch. Afghanistan ist ein Schuss ins eigene Knie – beim Blick in die Vergangenheit dieses Landes hätte man das lange wissen können.
    Die Amerikaner behaupten ja auch gar nicht, dass sie zum Wohle der anderen Völker unterwegs sind. Obama hat selber gesagt, er würde mit der Tradition, dass überall in der Welt erstmal amerikanische Interessen vorrangig seien, nicht brechen. Na, das war immerhin ehrlich. warum man damit einen Friedensnobelpreis verdient hab ich aber nicht verstanden.

    So glücklich ich auch persönlich darüber sein kann, dass amerikanische Soldaten meinen Vater gerettet haben, als dieser ein krankes und verhungerndes Kind war – dass sie hergeschickt wurden, um die Freiheit zu retten, kann ich keinem abnehmen. Dass wir damals nicht mit allerlei giftigen Stoffen verseucht wurden, lag wohl daran, dass man uns noch gebraucht hat, als Standort für die Abwehr gen Osten – und da schließt sich dann wieder der Kreis zur Friedensbewegung bzw. den Pershings der 80er.

    Auf schreckliche Art gerecht ist nur, dass anscheinend auf die eigenen Soldaten bei dieser Art der Kriegsführung auch keine Rücksicht genommen wird, so dass diese sowohl an den Vergiftungen unterschiedlicher Art, als auch an mangelnder Vorbereitung auf das was von ihnen erwartet wird und an den danach folgenden Traumafolgen erkranken.

    Ich kann nicht finden, dass ein Land, das innenpolitisch so viele Probleme hat – wie gesagt ich kann nicht beurteilen wodurch das kommt – die ganze Welt mit seinem System beglücken sollte. Wobei wenn es seine Probleme in den Griff bekäme – dann wäre es wert, dort genau hinzusehen.

    „Antiamerikanisch“ klingt so umfassend, aber wer hat denn schon was gegen den amerikanischen Otto Normalbürger wie man selber einer ist? Geschweige denn gegen die Vielfalt und die Freundlichkeit der Leute?
    Es geht um das Bestreben überall in der Welt den Ton anzugeben und die eigenen Interessen durchzusetzen, sowie um gnadenlose Geschäfte mit Waffen – und mit dem Wiederaufbau der Zerstörungen dadurch ( Riverbend schreibt in ihrem blog so einiges dazu).

    Du hast natürlich noch die andere, in Amerikas Inneres gerichtete Sichtweise angebracht, in der Du die Methode siehst, wie man mit der Vielfalt ganz gut leben kann. Da sind die Amerikaner sicherlich viel gelassener als wir, das haben sie gelernt weil sie erklärtermaßen ein Einwanderungsland sind, während hier ja so getan wird, als gäbe es einen Stillstand in der Bevölkerungsentwicklung und wir könnten so tun, als bekämen wir die 60er Jahre zurück, in denen ein „Neger“ in der Stadt (meistens ein Amerikaner) für Aufsehen sorgte (jedenfalls in unserem Kleinstädtchen war das so).

    Aber so zu tun, als wäre es nun mal kommunistische Regulierungswut, wenn man das amerikanische System da kritisiert wo es offensichtlich nicht Wohlstand und Glück für alle bedeutet – z.B. beim Krankenversicherungssystem – kann ja nun auch nicht wahr sein. Wir machen denen viel zu viel nach in diesen Dingen – gerade auch was die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens angeht, das habe ich als dort Arbeitende über Jahrzehnte verfolgt. Gerne darf dort wieder mehr reguliert werden.

    Nun, das wird mal wieder zu lang hier. Zusammengefasst finde ich, dass Deine Analyse des „Antiamerikanismus“ viel zu kurz greift.

    Grüße von Meryem

    • Also dass der Werteverfall irgendwas mit der Regierung Kohl zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht mal ansatzweise. So richtig los ging es in Europa und den Eliten Amerikas ja in den 60er-Jahren, dann diese widerliche Pornowelle und Hippiekultur und Drogen und was da sonst noch dazugehörte. Schlimm war es vor allem auch zB in den skandinavischen Ländern… also dort hatte Kohl nun wirklich nichts zu sagen, dort waren meist nicht einmal bürgerliche Parteien an der Regierung.

      Zur Beeinflussung der „Friedensbewegung“ durch Moskau sollte ich mal beginnen, tiefer zu recherchieren und mir vornehmen, hier mal einen Beitrag darüber reinzusetzen. Die meisten waren – wie bei den 68ern oder auch schon bei den Nazis – einfach naive Mitläufer, die dabei waren oder zumindest mit den Wölfen heulten, weil Konformitätsdruck eben zu den staatsautoritären, sozialistischen Traditionen zählt, denen sich die intellektuellen Eliten auch vielfach in den USA und vor allem aber in Europa verpflichtet fühlen. Sie stellten einfach keine Fragen und dachten, wenn alle mitmachen, wäre das schon ok, man wolle ja nicht anecken oder als Spielverderber gelten. Dass eine Strategie der Sowjets dahintersteckte, die Öffentlichkeit im Westen für die Forderung zu begeistern, die USA sollten einseitig abrüsten, war den wenigsten bewusst. Dass ändert nichts daran, dass viel Geld und Arbeit in kommunistische Kaderarbeit floss. Die DKP bestritt noch ihren Europawahlkampf 1989 mit einem 100-Millionen-Mark-Etat. Dieses Geld stammte nun wirklich nicht aus Spenden für diese steinzeitmarxistische Sekte.

      Aber in dieser Woche muss ich noch eine Rezension hier unterbringen und dann noch ein paar andere kleine Sachen posten und bluthilde ist auch noch da. Und für die IHK-Prüfung lernen sollte ich auch mal…

      Aber ich setze mir das Thema auf die Agenda – da arbeite ich was dazu aus.

      Was das Gesundheitswesen angeht, ist mir klar, dass es eine Lösung für jene geben muss, die sich nicht oder nicht mehr privat versichern können. Trotzdem unterliegt auch die Krankenversorgung gewissen Gesetzen von Angebot und Nachfragen und irgendjemand muss die Leistungen am Ende bezahlen. Ich habe dabei auch überhaupt kein Problem damit, dass ein krebskrankes Kind von meinen Steuergeldern behandelt wird, ich habe aber durchaus ein erhebliches Problem damit, dass ich für Abtreibungen, BzgA-Plakatkampagnen, die Pille für 12-Jährige oder die Behandlung von Kettenrauchern, Komasäufern oder Risikosportlern über Versicherungsbeiträge, Zusatzbeiträge, Steuermittel oder in welcher Form auch immer mit zur Kasse gebeten werde.

      Hier ist ein System, das auf privater Versicherung beruht, um einiges gerechter: Denn wer einen Lebensstil pflegt, der zu erhöhten Kosten im Gesundheitswesen führt, müsste dann auch selbst dafür bezahlen…

  3. Danke, Meyramdeutschmuslima, dass Du im letzten Satz nochmal alles zusammen gefasst hast, ich war damit intellektuell schon weit überfordert!

    Wenn Dein Essay nicht gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich auch ganz der Sichtweise von Loyalbushie hingegeben. Obwohl das sicher eher an zwei meiner Studienfächer, Mathematik und Physik, gelegen hätte. In einem Punkt hat er jedenfalls recht: Es ist eine sehr schöne Anwendungsaufgabe für die Oberstufe, u.U. schon für eine gute Realschul 10ner Klasse (vielleicht findet man ja noch irgendwo eine in Deutschland).

    Eins jedenfalls, liebe Meyramdeutschmuslima, finde ich an Dir absolut bewundernswert! Obwohl Du die Friedensbewegung in den 80gern in der Blüte Deiner Jugend miterlebt hast, ist in Dir die Erinnerung an die ersten Farbigen in Deinem Heimatort während der 60ger noch hellwach! Für mich ein biologisches Wunder!

    LG vom deutschen Michel

  4. Hä? Soweit kann es mit Deinen Mathekenntnissen nicht her sein oder? Oder wann ist es bei Dir mit der Blüte der Jugend vorbei?

    Außerdem was gibt´s zu meckern, dass ich die Matheaufgabe nicht verstanden habe, hindert mich nicht die unterschiedlichsten Informationen zu erfassen. Vielleicht bin ich dann ja weniger einseitig, *loool*

    Selbst loyalbushie versteht ja sowohl Mathe als auch geschriebenen Text. Geht also.

    Was Du mir ansonsten eigentlich sagen willst bleibt mir verschlossen. Das liegt bestimmt an der Gehirnschrumpfung unterm Kopftuch.

  5. Hallo loyalbushie, wenn du selbst den Präsidenten der Vereinigten Staaten als Sozialisten diffamierst, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn deine Gegner die Republikaner als Rechtsextremisten verunglimpfen! In einem Zweiparteiensystem wäre das nur logisch, wenn man eine etwaige Äquidistanz beider Lager zur Mitte vorraussetzt.
    Ich kann deiner Analyse nicht zustimmen, meiner Meinung war der Antiamerikanismus eher eine Antibushismus: Gerhard Schröder hat das geschickt genutzt und dazu noch eine Friedensfahne im Wahlkampf geschwenkt! Das war schon ein mehr als durchschaubares Manöver, hat aber die Stimmung im Lande sehr gut widergespiegelt!
    Nach 9-11 gab es erstmal große Solidarität mit den Amerikanern, von der Schadenfreude einiger Wirrköpfe mal abgesehen! Es war dann die diplomatisch fragwürdige Art, in der die Bush-Administration die Welt in Gut und Böse eingeteilt hat, wie wir es seit dem Kalten Krieg eigentlich überwunden glaubten! Dazu dann noch die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak( Verstehe mich nicht falsch, gut daß Saddam weg ist, aber der Zweck heiligt nicht die Mittel).
    Ohnehin war Bush vor 9-11 in Europa nicht besonders beliebt, aber das sind wohl die wenigsten der heutigen Republikaner. Politisch stehen die Demokraten Europa einfach näher als die Republikaner, die imer noch Reagan für eine Politik des sozialen Kahlschlags verehren, die in D und wahrscheinlich in den meisten europäischen Ländern soziale Unruhen verursachen würden.
    Einen generellen Antiamerikanismus in D kann ich nicht ausmachen, besonders seit Obama an der Macht ist, bessert sich das Bild der USA in der Bevölkerung doch wieder!
    Daß du aber die Thesen dieser absurden Verschwörungstheoretiker bemühst, um antiamerikanische Gefühle in der Gesellschaft nachzuweisen, ist doch nicht ganz ernst gemeint, oder?
    Und der angebliche Pro-amerikanismus von PI ist eigentlich ein Pro-bushismus, weil die PI-Leute in ihm scheinbar einen Feind der Muslime sehen.
    Was du zu den pornos sagst, ist übrigens schlichtweg falsch: Die größte Pornoindustrie der Welt hat sich in den achso prüden USA etabliert, da haben Pornodarsteller übrigens auch einen anderen Stellenwert als zum Beispiel bei uns in D. Dort gibt es richtige Stars in der Branche, Weltstars, die im Mainstream angekommen sind! Und daß ein entblöster Nippel eine Skandal auslösen kann, zeigt nur die Scheinheiligkeit, wenn Janet Jackson(oder nimm Britney Spears) in einem Kostüm, das jede Rundung des Körpers zeigt von Keuschheit singt, während ihr Duettpartner ihr von hinten an die Brüste greift!

    Beste Grüße

  6. Na ja, „Kommunist“ wäre für den Messias dann vielleicht doch etwas zu drastisch, da habe ich es eben bei „Sozialist“ belassen…

    Dass sich in einer so freien Gesellschaft wie den USA auch Dreck ausbreiten kann, liegt in der Natur der Sache und der Natur des Menschen. Aber wie ich im Artikel geschrieben hatte: Mit Verboten ändert man die Gesinnung der Leute nicht. Allerdings kann man verhindern, dass sie Unbeteiligte damit belästigen. Insofern finde ich die Gesetzgebung über die Beschränkungen pornografischer Darstellungen im öffentlichen Fernsehen konsequent. Wer sich so was zu Hause reinziehen will, den kann man daran nicht hindern. Aber es kann gewährleistet werden, dass niemand, der so was nicht sehen will, damit behelligt wird. Konsequent libertärer Ansatz also…

    Die überhebliche Haltung gegenüber den USA hat sich meiner Einschätzung nach durch die Amtsübernahme des Messias nicht wesentlich geändert. Im Grunde ist doch das „bessere Amerika-Bild seit Obama“, von dem Du sprichst, bezeichnend: „Wir mögen Euch, solange Ihr nach unserer Pfeife tanzt“…

    Wenn so etwas auch Europa zusammenhält („Wenn die soziale Hängematte nicht immer komfortabler ausgebaut wird, zünden wir Euch die Städte an“), dann Gute Nacht…

  7. Servus,
    ich glaub das mit der Kohl-Zeit hatten wir schon mal, aber da reden wir von verschiedenen Dingen. Ich bezieh mich nicht auf die „Pornowelle“ und dgl., sondern wie gesagt auf die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Da kann man vielleicht sagen, dass die „Sozialisten“ zuviele Wohltaten verteilt hätten, aber ich erinnere mich noch gut (ja Michel, im Alter erinnert man sich immer an die weiter zurückliegenden Dinge), dass der Begriff „Geld machen“ sich in dieser Zeit verbreitet hat – „Geld verdienen“ – Betonung auf „dienen“ kam aus der Mode.
    Dazu mussten wir dann auf einmal immer mehr „Eigenverantwortung“ übernehmen – als ob nicht die Lohnsteuerzahler den Staat und die Sozialsysteme am Laufen hielten. Wir können ja auch schlecht was in die Schweiz schaffen.

    Natürlich kenne ich mich im Gesundheitswesen am besten aus und das aus der Sicht der absoluten Basis und da habe ich sehr gut verfolgen können, wie sich die Bedingungen verändern, so dass wir heute zwar einen enormen technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt haben, aber Arbeitsbedingungen wie in den 50ern.

    Natürlich ärger ich mich auch über allerlei Kosten die man als selbstverschuldet bezeichnen könnte. Aber von denen ist ja nun mal nicht die Rede. U.U. kann es ja auch sinnvoll sein, das Gesundheitswesen über mehr über Steuern zu finanzieren – schließlich ist es ja auch heute nicht solidarisch, durch die Beitragsbemessungsgrenze.
    Du siehst natürlich die Angelegenheit berufsbedingt anders, allerdings tun mir die Privatpatienten auch so manches mal leid (in meinem letzten Job hatte ich viel Beratungsarbeit mit denen). Sie werden ganz schön ausgenommen und oft ist es nicht das Beste vom Chefarzt behandelt zu werden.

    Na egal das führt zu weit und hat mit der USA nichts zu tun, außer dass die Tendenz mit einfach allem Geld zu verdienen von dort rüberschwappte. Und deshalb haben wir jetzt nicht wenige Menschen hier, die trotz Versicherungspflicht nicht versichert sind, weil sie es sich nicht leisten können.

    Grüße, Meryem

  8. Ich finde, Mitgefühl oder Anteilnahme kann man nicht verordnen. Genau darauf baut aber ein überbordender Sozialstaat auf. Vor allem die Gleichmacherei, die diesem Konstrukt zu Grunde liegt, ist schlimm. Wenn kein Unterschied gemacht wird, ob jemand sich selbst helfen könnte oder nicht bzw. ob er seine Lage selbst verschuldet hat oder nicht, sondern jeder gezwungen ist, unterschiedslos alle mitzutragen, ohne gefragt zu werden, dann macht man Moral, Mitmenschlichkeit und Solidarität erst recht kaputt.

    Am Ende schiebt jeder seine eigenen Angehörigen ab, weil ja ohnehin der Staat für alles aufkommt.

    Die Folge: 80% der Deutschen würden nach einer gestern veröffentlichten Umfrage den Sozialismus einer freiheitlichen Gesellschaft vorziehen, solange er nur für ihre materielle Absicherung sorgt. Dass der Preis dafür Konformitätszwang und Verkümmern menschlicher Potenziale sind, scheint niemanden zu interessieren.

    Na ja, jetzt hat man es Schwarz auf Weiß: Meine Auffassung, die Mitte der Gesellschaft habe sich in den letzten Jahrzehnten dorthin verschoben, wo vor 20 Jahren noch die radikale Linke war, ist hiermit auf repräsentative Weise bestätigt.

  9. Guten Morgen,
    na wenn Du das an mir festmachst-ob man mich „Mitte der Gesellschaft“ nennen kann?
    Du hast natürlich teilweise recht – aber um bei den Amerikanern zu bleiben: es funktioniert nun mal nicht, dass jeder sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zieht. Das kann man an der „Schere“ dort ja beobachten und die ist ja auch bei uns immer größer, eben z.T. auch, weil alles kommerzialisiert wird.
    Und so ärgerlich das ist, wenn jemand seine Notlage selbst verschuldet: was willst Du machen? Man kann die Leute schließlich nicht verhungern lassen. Oder die Homosexuellen die noch immer die meisten HIV-Infektionen verzeichnen unbehandelt lassen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie man sich so dämlich und unverantwortlich verhalten kann. Natürlich: ließe man sie ohne Medikation, wäre Aids nicht zu einer behandelbaren,chronischen Erkrankung geworden und hätte seinen Schrecken anscheinend verloren (kann ich nicht nachvollziehen bei all den Pillen, Nebenwirkungen und ständiger Angst vor Verschlechterung und Resistenzen). Aber wenn man die Alternative zu Ende denkt?
    In den USA ist es aber so, dass viele nicht die notwendige Behandlung bekommen. Wollen wir das wirklich?

    Die Türkei hat ja in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass jeder Behandlung erfährt. Und haufenweise Altenheime gebaut. Die stehen aber leer, weil die Menschen eben doch in den Familien versorgt werden. Also eine Fehlinvestition, man hätte lieber in die ambulante Pflege und Schulung von pflegenden Angehörigen investieren sollen, denn da fehlt natürlich die Professionalität. Aber die Entsolidarisierung findet dort nicht statt, allerdings werden auch keine todkranken Kinder mehr an der Klinikpforte mangels Versicherung abgewiesen (und das ist im engsten Umfeld passiert).

    Natürlich muss man die Leute fordern und dass sich HartzIV vererbt wie vorher die Sozialhilfe ist nicht Sinn der Sache. Aber dann muss man auch investieren, in die Schulen z.B., die ja regelrecht kaputtgespart wurden, sowohl baulich als personell. Schulklassen mit weit über 30 Schülern – wie sollen die denn was vermitteln?

    Schweden z.B.(Freunde sind dorthin ausgewandert): der jüngste Sohn konnte zwar schon ein bisschen Schwedisch, erhielt aber so lange Förderunterricht bis er mitkam. Und das in seiner Dorfschulklasse von 10 Schülern. Nun bekommt er auch noch jede Woche muttersprachlichen Unterricht, so dass er in beidem fit wird und bleibt. Warum können die das leisten? Die Schweiz macht auch die Einwandererkinder erst so lange sprachlich fit, bis sie in der normalen Schule mitkommen, darum sprechen die Kinder meiner Schwägerin alle perfektes Deutsch (besser als Schweizerdeutsch allerdings).

    Ich bin wirklich eine Verfechterin davon, dass man Verantwortung übernimmt, ganz bestimmt auch als Eltern. Man darf die Kinder nicht versumpfen lassen, wie es leider zu oft geschieht. Aber amerikanische Verhältnisse wünsche ich mir im Sozialwesen sicher nicht. Wobei dort anscheinend die private Wohltätigkeit besser funktioniert als hier, aber darauf kann man sich doch nicht einfach verlassen.
    Und die USA geben so unendlich viel Geld für ihre sinnlosen Kriege aus – wäre das nicht im Land besser investiert? Dann könnten sie darauf pochen, dass man sie als Vorbild sieht. Im Moment hab ich da eher die Türkei im Auge, so wie sie sich die letzten Jahre entwickelt hat: fast alle Staatsschulden weg, Inflation runter, Infrastruktur gigantisch verbessert, Kindergeld, Krankenversorgung, Rente, Sozialhilfe, Lehrmittelfreiheit….die rennen uns davon, wirst Du sehen.
    Aber da wird hier die Nase gerümpft über das Land – die Leute kriegen nichts mit.

    Frohes Schaffen, Meryem

  10. Loyalbushie,
    Sie kritisieren den sogenannten Antiamerikanismus. Eins vorweg – mir sind die meisten gängigen Verschwörungstheorien zum 11. September geläufig und bin der Meinung, daß es sich dabei um mal mehr, mal weniger ausgeprägten völligen Blödsinn handelt. Insoweit dürften wir uns einig sein. Andererseits behaupte ich, daß die Anschläge der damaligen Regierung unter George W. Bush sehr gelegen kamen – sie lenkten von diversen innenpolitischen Problemen ab und halfen Bush, als Mann der Tat dazustehen, was ihm ja auch prompt die Wiederwahl sicherte.

    Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Kritik am internationalen Auftreten der US-amerikanischen Regierung als Antiamerikanismus abtun. Ich habe Freunde in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten der USA, die meisten von ihnen kenne ich aus ihrer Militärzeit in Deutschland, und auch die meisten von ihnen reflektieren das Verhalten ihrer Regierung (ob der von Bush oder von Obama)ausgesprochen kritisch. So wie es auch praktisch alle meine deutschen Bekannten sehen. Sind die Amerikaner hier etwa selber antiamerikanistisch?

    Niemand hat etwas gegen die Amerikaner, gegen ihre Kultur, ihr Volk. Okay, fast niemand. Aber Kritik am Vorgehen der Regierung muß ja wohl erlaubt sein, wenn dieses die Weltöffentlichkeit angeht. Und ein Angriffskrieg aus fadenscheinigen Gründen wie im Irak darf und soll international verurteilt werden. Genauso legitim ist es, wenn man in Europa verschiedene Bestandteile der amerikanischen Alltagskultur kritisch bewertet, anstatt McDonald’s, Hip Hop, Denglizismen und ähnliches einfach zu übernehmen – dabei verkommt nämlich unsere eigene Kultur.

  11. Ich wundere mich, warum den USA Hip Hop und Anglizismen in der deutschen Sprache zum Vorwurf gemacht werden. Dass es hier Halbgebildete gibt, die aus dem staatlichen Zwangsschulsystem hervorgehen und meinen, „cool“ zu wirken, indem sie ihre Sprache mit pseudoenglischen Begriffen verfremden, die in englischsprachigen Ländern kaum einer kennt, ist aus meiner Sicht nicht die Schuld der USA.

    Auch dass musikalisch eher der Müll übernommen wird wie der Großteil der Hollywood-Produktionen, die hier erfolgreich sind oder die Asimusik der Hip-Hop-Kultur, ist doch Europa anzulasten und nicht den USA.

    Wer hindert denn Europäer daran, stattdessen Countrymusik oder Adult Orientated Rock zu hören, die in den USA selbst wesentlich beliebter sind als Hip Hop und wo es wertvolle und positive Texte gibt? Warum sind denn bei uns miese Teeniekomödien Made in USA erfolgreich, während die dort floppen und in den USA erfolgreiche, wertvolle Produktionen wie der Film „Fireproof“ oder der „Lourdes“-Film hier nicht einmal in die Kinos kommen? Warum haben in Europa miese Shows mehr Erfolg als Fernsehprediger, obwohl es in den USA völlig anders aussieht?

    Das liegt nicht an den USA, sondern daran, dass Europäer in erster Linie den Müll nachfragen und nicht das Positive. Kein Wunder, dass also nur das Miese rüberschwappt und nicht das Gute – Ausnahmen wie „Twilight“ oder Pixar-Filme für die Kleinen bestätigen die Regel.

    Und wer hier noch nie bei Burger King oder McD war, werfe den ersten Stein. Ich gebe zu, dort ab und an zu essen und habe keinerlei Gewissensbisse. Aber allzuviele, die sich hier über die USA aufregen, gehen selbst dort essen und sorgen dafür, dass diese Gaststätten gut florieren…

  12. Loyalbushie,

    Sie haben mich falsch verstanden. Ich kritisiere nicht die Tatsache, daß amerikanische Alltagskultur sich in Europa ausbreitet und ich gebe noch viel weniger den Amerikanern dafür die Schuld. Daran sind selbstverständlich die Europäer und in erster Linie wir Deutsche schuld – zumindest hatte ich auf zahlreichen Reisen ins europäische Ausland den Eindruck, daß woanders mehr auf die einheimische Kultur geachtet wird als hierzulande. Viele Amerikaner (zumindest meine Freunde in Texas) sind ja im Gegenzug ganz verrückt nach deutschem Bier und Essen. Man muß einfach sagen, daß die Amerikaner ein sehr viel ungezwungeneres Verhältnis zum Nationalstolz haben und sich daher wohl auch nicht so stark beeinflussen lassen.

    Ich wehre mich lediglich dagegen, daß – wie Sie völlig zu Recht schreiben – sich in erster Linie der Schund ausbreitet und daß jede Kritik an dieser Tatsache gerne als antiamerikanisch gebrandmarkt wird. Ich bin persönlich kein Countryfreund und kenne diese Szene zu wenig. Im Bereich AOR muß ich Ihnen recht geben; leider hat sich mit Toto die wahrscheinlich beste Formation dieses Genres aufgelöst, was ich sehr bedaure. Aber dies nur nebenbei.

    Positiv möchte ich den jüngst Oscar-prämiierten Film „The Hurt Locker“ erwähnen – er hat mir sehr gut gefallen, ist handwerklich sauber gemacht und kommt weitestgehend ohne den üblichen Hurrapatriotismus aus. Bitte mehr davon!

    Dennoch denke ich, daß Kritik an den USA in aller Regel als Kritik an der Regierung zu verstehen ist. Und diese kann und soll erlaubt sein. Sie mögen Obama nicht besonders; ich auch nicht, wenn wohl auch aus unterscheidlichen Gründen. Allerdings mochte ich seinen Vorgänger noch viel weniger, worin wir uns unterscheiden. Wie die USA ihre Krankenversicherung und Staatsverschuldung regeln ist ihr Problem und geht mich nichts an. Wie sie sich beispielsweise in der sich anbahnenden Krise ums iranische Atomprogramm verhalten kann schnell zu unserem Problem werden. Kritik daran behalte ich mir vor und verwahre mich gegen Vorwürfe, dies sei auf eine antiamerikanische Einstellung zurückzuführen.

  13. Toto hatte ich fast auf den Tag genau vor 22 Jahren (am 27. März 1988) live gesehen… im zarten Alter von 14 Jahren. Journey, Survivor, Don Henley etc. fand ich mit 11-12 Jahren schon toll – von daher finde ich den Ausdruck Adult Orientated Rock eigentlich doof, denn erwachsen war ich da noch ne ganze Weile nicht.

    Ich denke, spätestens an dieser Stelle ist es an der Zeit, wieder ein Bisschen Schleichwerbung für meinen last.fm-Kanal zu machen: http://www.lastfm.de/listen/user/loyalbushie/personal

    Kritik an der amerikanischen Regierung übe ich auch – vor allem jetzt, wo ich ihre Agenda zu 90%+x missbillige (während ich bei Bush wohl 90%+x positiv fand). Ich finde, es ist aber auch immer ein Frage, wie und auf welchem Wege diese vorgetragen wird. Aus populistischen Gründen als Bundeskanzler dem Präsidenten der USA von einem Marktplatz aus auszurichten, dass man in einer weltpolitisch wichtigen Frage nicht mit ihm mitziehen will, ist eigentlich nicht das, was man sich als angemessenes Verhalten unter Verbündeten vorstellt. Dass man damit eine fast verlorene Wahl im letzten Monat noch umdrehen kann, zeigt aber, dass die Botschaft, die nach außen tritt, bei vielen ankommt. Ich denke, in den 80er-Jahren wäre das nicht so gelaufen bzw. hätte sich ein solches Verhalten zum Nachteil dessen ausgewirkt, der sich seiner bedient hätte.

    Auch der scheinheilige und moralinsaure Verweis auf Guantanamo bzw. die Todesstrafe in den USA oder irgendwelche Kriege aus Anlass eines – durchaus sachlich formulierten – Berichtes über die Menschenrechtslage in einzelnen Staaten durch das US-Außenministerium deutet für mich darauf hin, dass es nicht um eine sachlich-argumentative Erwiderung geht, sondern darum, Überheblichkeit zur Schau zu stellen, nach dem Motto „Ihr hinterwäldlerischen Amis habt Dreck am Stecken – wir fortschrittlichen und aufgeklärten Europäer nicht“. Dabei hätte es in Europa ohne die USA nicht nur 1939ff. eine Entscheidung zwischen Hitler und Stalin gegeben, deren Sieger ganz Europa beherrscht hätte, sondern es würde wahrscheinlich heute noch ein Massaker nach dem anderen auf dem Balkan geben.

    So wenig ich Clinton mag – ich fände es billig, ihm den Krieg in Jugoslawien anzukreiden. So wenig ich Obama und Hillary Clinton mag – ich werde nicht an ihnen kritisieren, dass sie eine atomare Hochrüstung des Iran problematisch finden oder dass sie die Situation der bürgerlichen Freiheitsrechte in anderen Staaten aus der Perspektive der freiheitlichen Ordnung in den USA unter die Lupe nehmen.

  14. So wie es aussieht bin ich tatsächlich in dieser Frage weitestgehend einer Meinung mit Ihnen. Aber wir wollen doch festhalten, daß die militärische Intervention im Irak nicht wegen der dortigen Menschenrechtssituation erfolgte, sondern wegen der angeblichen Massenvernichtungswaffen und der enormen strategischen Bedeutung der dortigen Ölvorkommen. Jugoslawien war in der Tat eine andere Geschichte, und wir Europäer würden wahrscheinlich heute noch diskutieren.

  15. Also wenn amerikanische Kultur aus Countrymusik und vor allem diesen unsäglichen Twillight Filmen und Büchern besteht, dann bin ich Antiamerikanist, nein, dann hasse ich Amerika sogar! Aber zum Glück ist dem nicht so, Countrymusik wird sich in Europa nie durchsetzen, und was von Stephenie Meyer übrigbleibt, außer dem Mythos geschickten Marketings und ein paar extra Stories in der BRAVO, wird recht überschaubar sein!
    Heute ist ohnehin ein guter Tag für Amerikafreunde, Obamas Gesundheitsreform ist auf dem Weg! Gute Nachricht für viele Millionen Amerikaner, nicht wahr, loyalbushie?

  16. Au ja, Bauernbua, zur Feier des Tages gibt es sogar was Spezielles für den Genossen Obama und seine Anhänger zum laut Mitsingen:

    Allerdings sind manche Fortschrittliche immer noch etwas skeptisch über die dauerhafte Tragfähigkeit der Obama-Reformen:

    http://bluthilde.wordpress.com/2010/03/22/wenn-obama-scheitert-gibt-es-einen-massenexodus-exklusivinterview-mit-ersten-us-bootsfluchtlingen-in-europa/

  17. Wenn es sozialistisch ist, 32 Millionen(!) Menschen Zugang zu einer Krankenversicherung zu ermöglichen, dann kann ich mich nur als Anhänger des Sozialismus outen!
    Vieleicht ist es in einer kapitalistischen Gesellschaft ungerecht, Gesundheit nicht ans Einkommen zu koppeln!
    Aber gewisse Rechte stehen jedem Menschen zu, egal ob arm oder reich, und meiner Meinung nach gehört dazu auch, das Recht auf bestmögliche gesundheitliche Versorgung! Krankheit bedeutet in den USA ja oft den Bankrott, das sehe ich nunmal als der Weltmacht nicht würdig!
    Aber so sind wir Sozialisten scheinbar: Wir betrachten jeden Menschen als gleichwertig, ohne vorher in seine Geldbörse zu schauen, ob er sich Gerechtigkeit überhaupt leisten kann!

  18. Vielleicht kannst Du loyalbushie, als Fachmann ja mal einen Artikel zum Problem der Krankenversicherungssysteme schreiben.
    Also unser System ist ja nun auch nicht wirklich solidarisch, bzw. die Solidarität reicht nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze. D.h. die die viel haben, sind nicht solidarisch.
    Vielleicht ist darum das mal geplante Kopfpauschalenmodell mit Steuerentlastungen nicht so verkehrt wie man denkt – obwohl ich auch daran zweifle, denn die „kleine“ Kopfpauschale die jetzt angedacht ist, würde mich als (demnächst wohl volle) EU-Rentnerin und meinen Mann als Arbeiter im unteren Drittel der Einkommenschon mehr belasten als jetzt. Was ich übel nehmen würde, aber naja – ich bin auch jemand der die Versicherung viel kostet.

    Und was ist denn nun an dem amerikanischen Kompromiss auszusetzen (außer dass immer noch Unversicherte übrig bleiben)? Da wird doch alles über private Versicherungen abgewickelt, ist doch eine feine Sache?

    Oder stört, dass die jetzt niemanden mehr abweisen dürfen oder die Beiträge hochschrauben bei Krankheit?

    Wir haben ja nun in D auch eine Versicherungspflicht, aber es ist ja auch Tatsache, dass sich viele kleine Selbständige die nicht leisten können.

    Und dass die Ärzte sehr gut an Privatpatienten verdienen, ohne immer entsprechende Leistungen zu erbringen ist auch nicht der Idealzustand. In meinem letzten Job habe ich oft Kunden beraten, die nach der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen gefragt haben – „oder will der Arzt nur wieder verdienen“

    Andererseits bleibt in den Kliniken wieder was von den Privathonoraren hängen, was für alle Vorteile bringt.

    Nun das ist ein schwieriges Thema. Außerdem bleibt viel zu viel Geld irgendwo hängen. Denn ich muss wieder mal die TR anpreisen, die ihre Gesundheitsversorgung gerade sehr gut in den Griff bekommen hat (gibt natürlich noch einiges nachzuholen), seit sie rigoros einen Riegel bei der Raffgier vorschiebt.

    Und Schweden, England – es scheint, dass die Systeme besser funktionieren, wenn der Staat sie in der Hand behält.

    Also ich finde ja auch, dass in den USA überfällig war, dass die was unternommen haben. Das ist doch kein Entwicklungsland.

    Na dann, Du bist doch vom Fach!

    Grüße von Meryem

  19. Die Anregung greife ich gerne auf – allerdings kann es ne Weile dauern, da ich beruflich jetzt einiges um die Ohren habe und auch hier zB mit einer Rezension hinterherhinke.

    Was zumindest in den USA jetzt nicht gemacht wurde, war, staatliche Bürokratieapparate nach dem Vorbild der hiesigen gesetzlichen Kassen zu schaffen und gleichzeitig die privaten abzuwürgen. Aber dann hätte der Messias wahrscheinlich sogar eine Palastrevolte in den eigenen Reihen erlebt. Die Beitragsbemessungsgrenze hier halte ich für viel zu hoch, denn man nimmt praktisch jedem Kleinverdiener die Wahlmöglichkeit, in der GKV zu bleiben oder sich selbst auszusuchen, wie er sich versichern will und was ihm seine Gesundheit in welchem Bereich wert ist.

    Eine private Versicherung darf den Beitrag für einen Einzelnen gar nicht erhöhen, wenn dieser krank wird. Sie darf jemanden, den sie erst mal aufgenommen hat, auch nie wieder rausschmeißen (es sei denn, er hat eine bei Vertragsabschluss bestehende, schwere Krankheit verschwiegen). Sie darf ihn nur gar nicht erst annehmen. Alles, was danach kommt, ist das Risiko der Versicherung. Wenn die private Versicherung aber keine Risiken mehr ablehnen darf, dann wird sie die Beiträge für alle erhöhen müssen, weil sie die Mehrkosten irgendwie auffangen muss.

    Man kann die Krankenversorgung für Menschen, die nicht in eine private Versicherung aufgenommen werden können, finde ich auch anders regeln als durch Zwangszuweisungen. Aber mal sehen, wie das alles in den USA im Detail aussieht und ob es überhaupt den November überdauert, wo die Demokraten hoffentlich die Häuser abgeben müssen. Ich frage mich, ob die hiesige Begeisterung über die Gesundheitsreform ähnlich groß gewesen wäre, wenn Richard Nixon sie durchgesetzt hätte (der viel früher schon viel weitreichendere Ideen hatte, um zu verhindern, dass Leute unverschuldet durch den Rost fallen)…

    Und was Schweden, England usw. betrifft: Weißt Du, dass dort Pflegekräfte schon dafür entlassen werden können, dass sie sichtbar religiöse Symbole tragen? Und es dort selbstverständlich ist, zB Abtreibungen oder die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln über die Beiträge aller Versicherten zu finanzieren, egal ob sie das wollen oder nicht?

  20. Servus,
    na solche Feinheiten muss man ja nicht mitmachen wie die Abtreibungen-bei Verhütungsmitteln würde ich das ganz sinnvoll finden, dann werden die jedenfalls nicht eingespart.

    Und die Frage von religiösen Symbolen hat ja auch erstmal nichts mit dem Versicherungssystem zu tun – wobei ich mir das nicht vorstellen kann, da in England z.B. auch Polizistinnen mit Hijab arbeiten (und Sikhs mit Turban,🙂 )

    In Schweden ist es so, dass man sich einen Hausarzt aussucht und dieser bekommt dann Geld für die Anzahl der Patienten, egal wie oft die kommen. Er hat also kein Interesse, ihnen möglichst viel Teures zukommen zu lassen.
    Probleme gibt´s da mit dem Datenschutz finde ich – da weiß dann die zuständige Schwester (ja, sowas gibt´s da auch noch – Gemeindeschwestern) auch gleich Bescheid ob man seine Medikamente auch brav nimmt. Aber das ist ja wieder ein Unterproblem.

    Und die Personalausstattung in den Krankenhäusern ist geradezu luxuriös. Meine ausgewanderte Freundin findet sogar, es sei zuviel Personal da und das kann man in der Psychiatrie so leicht nicht behaupten.

    Ob nun in Privatkassen die Bürokratie weniger ist? Glaub ich kaum, nachdem was ich so mitbekommen habe. Da musste so manches merkwürdige Wege gehen. Aber die gesetzlichen Kassen hier haben natürlich z.T. Riesenapparate. Ich bin bei einer ganz Kleinen versichert, die war auch sehr günstig, bis zum Einheitsbeitrag. Weil sie mit sehr wenig Aufwand auskommt und trotzdem prima Service bietet – gerade dadurch, man kennt sich ja persönlich.

    Na dann mal husch an die Arbeit, damit Du auch nachkommst,🙂

    Grüße von Meryem

  21. ähm, gerade vergessen: die PKV erhöht hier aber schon die Beiträge wenn man älter wird, oder? Was ja meistens auch mindestens mit Wehwehchen einhergeht, wenn nicht schlimmer?

  22. Na ja ich habe irgendwie kein Verständnis dafür, Lebensweisen mit meinen Beiträgen mitfinanzieren zu müssen, die ich ablehne. Von daher finde ich, dass wer meint, schon mit 15 oder 16 rummachen zu müssen, sich auch zB empfängnisverhütende Mittel selbst kaufen sollte. Ähnlich bei gefährlichen Sportarten, Alkoholikern oder Rauchern: Wer sich nicht automatisch darauf verlassen kann, dass ihm alles in den Rachen geschoben wird, beginnt vielleicht nachzudenken, ob sein Lebenswandel wirklich der richtige ist, sobald er auch die finanzielle Verantwortung dafür zu übernehmen hat.

    Und warum sollen sich zB Versichertengemeinschaften, die rigide Aufnahmekriterien haben (etwa viele christliche Versicherungsvereine in den USA, die nur Antialkoholiker, Nichtraucher oder andere risikoarme Personen aufnehmen) und deshalb ihren Mitgliedern gute Prämien für gute Leistung bieten können, diesen selbst geschaffenen Erfolg kaputt machen lassen müssen, indem der Staat bestimmt, sie müssen jetzt jeden nehmen.

    Das ist ja auch der Grund, warum die privaten Krankenversicherungen auch in Deutschland mit ihren Prämien so angezogen haben: Sie müssen den Basistarif finanzieren, der allen zur Verfügung stehen muss.

    Gleichzeitig erheben die gesetzlichen Krankenversicherer Zusatzbeiträge, weil sie mit ihren aus dem zentralistischen Gesundheitsfonds zugewiesenen Mitteln die vielen Ausgaben – darunter alle möglichen versicherungsfremden Leistungen – nicht mehr bestreiten können.

    Wir werden, wenn es so weitergeht, bald einen einheitlichen Minimalstandard haben – denn irgendwann wird die Rechnung, dass immer weniger aktive Erwerbstätige immer mehr Leistungen für immer mehr immer längere Kranke bezahlen müssen, nicht mehr aufgehen. Und das Schlimme ist: Das, was draufgeht, weil es immer mehr selbstverschuldete, durch unanständigen und unvorsichtigen Lebenswandel begünstigte Erkrankungen gibt, steht dann auch nicht mehr für diejenigen zur Verfügung, die nichts für ihren schlechten Gesundheitszustand können…

  23. Tja, so gesehen hätte ich einen günstigen Tarif verdient,🙂 – würde ihn aber trotzdem nicht kriegen.
    Ich kann ja z.T. nachvollziehen was Du meinst – aber in dieser Radikalität ist das nicht umzusetzen. Genannte 15/16jährige – kannst Du die schon als verantwortlich für ihr Verhalten betrachten? Wer hat ihnen das mitgegeben, sich so zu verhalten? Also mir ist lieber, die verhüten, als das sie abtreiben. Und kommen dann inschallah irgendwann zur Vernunft.
    Ich bin auch gar nicht für eine einheitliche Kasse und hab überhaupt nicht verstanden, warum man erst die Konkurrenz eröffnet und dann wieder alles vereinheitlicht, mich hat das glatte 2 Prozent meines Einkommens gekostet, glücklicherweise jetzt wenigstens ohne Zusatzbeitrag.

    Das Maß zu finden zwischen dem was eine Gesellschaft solidarisch mittragen sollte und dem, was man gefälligst selbst verantworten muss ist nicht so einfach.

    Ich hab ja z.B. viele Jahre mit Suchtkranken gearbeitet, auch mit Alkoholikern. Die haben in der Regel viele Jahre Arbeitsleben auf dem Buckel gehabt (wir hatten viele Stahlwerker, Schiffbauer, Seeleute). Aber eben auch ihre Suchterkrankung. Was machst Du mit denen in einer Gesellschaft die diese schlimme Droge frei verkauft und bewirbt? Genau wie das Rauchen….

    Na, entwerf mal ein Modell und dann setz es durch in der Partei…

    Servus, Meryem

  24. Es wird auch kaum möglich sein, so etwas politisch zu lösen. Da hilft wirklich nur eine geistig-moralische Wiederaufrüstung und die kann nur von jedem Einzelnen ausgehen, der nicht wegguckt und in seinem eigenen Umfeld versucht, ein positives Vorbild vorzuleben und andere zum Nachdenken zu bringen – sodass diese vielleicht merken, dass die heute propagierte Lebensart scheiße ist und sie sich damit selbst am meisten schaden.

    Aber ich bleibe dabei, dass der überbordende Sozialstaat viel dazu beigetragen hat, die Menschen am Nachdenken und am Verantwortung übernehmen zu hindern. Warum denn auch, wenn er die Gewissheit vermittelt, die Allgemeinheit fängt schon alle irgendwie auf, egal was sie tun. Ein System, das auf Privatinitiative und Eigenverantwortung beruht und wo die Allgemeinheit nur jene trägt, die wirklich bei bestem Willen nicht für sich selbst sorgen können, würde zwangsläufig dazu führen, dass sich Leute mehr Gedanken machen müssten über die Folgen ihres Handelns. Bzw. das positive Vorbild von Leuten, die zB günstige Prämien für eine gute Gesundheitsversorgung bezahlen, weil in ihrer Versichertengemeinschaft bestimmte Verhaltensweisen verpönt sind und damit Luft haben, sich selbst und ihrer Familie im Leben etwas zu schaffen.

    Außerdem bedeutet zB der Verzicht auf Alkohol keine Einschränkung der Lebensqualität: Ich trinke beispielsweise seit einem Jahr nur noch alkoholfreies Bier und vermisse nichts. Im Gegenteil – ich habe massiv an Lebensqualität gewonnen dadurch…

  25. Naja, ich bin Bayer und da gehört ein Bier nunmal einfach dazu! Oder ein Schweinsbraten obwohl Schweinefleisch ja auch nicht gerade gesund ist. Aber du weißt ja scheinbar, was Lebensqualität ist: Dein Standard. Jeder außerhalb dieser Norm ist halt leichtsinnig oder um in deiner Terminologie zu bleiben hedonistisch!
    Dafür, daß du immer die Fackel der Freiheit hochhältst, legtst du den menschen aber ganz schön viele Fesseln an und tarnst es als Liberalismus, wenn du sagt jeder soll für sich selbst sorgen!
    Du redest von Moral und verlangst eine Wende! Das klingt verdammt nach Helmut Kohl! Aber auch mit deinem Kampf gegen den Sozialismus bist du ja in 80ern steckengeblieben, passt also!

    P.S.: Wir schreiben das Jahr 2010

  26. Ich bin auch leidenschaftlicher Biertrinker, bloß sind es bei mir eben jetzt Jever Fun, Erdinger Alkoholfrei oder Warsteiner 0,0.

    Wenn es in einem System der Marktwirtschaft im Gesundheitswesen beispielsweise in Bayern eine Versicherungsgemeinschaft gibt, die Mitglieder aufnimmt, die Alkohol trinken, weil sie es als Teil ihrer Lebenskultur sehen und dafür auch keinen Prämienzuschlag verlangt, dann ist das doch eine saubere und klassisch liberale Lösung.

    Ich sehe es bloß als reichlich illiberal an, jeden in ein einheitliches staatliches System zu zwingen und festzulegen, dass derjenige, der Risiken vermeidet, den gleichen Betrag für die gleiche Leistung bezahlt wie einer, der jedes Wochenende Komasaufen geht. Denn dass das nicht unbedingt das Risiko zukünftiger Heilbehandlungen senkt, darin könntest Du mir möglicherweise vorsichtig zustimmen…

    Dein Freiheitsbegriff hingegen scheint eher so ausgestaltet zu sein, dass er auf der Grundlage eines rigiden Werterelativismus basiert und der Allgemeinheit die Folgekosten der schrankenlosen Selbstentfaltung jedes Einzelnen zuweist. Wer nicht mit dem Strom mitschwimmt und sich die Selbstbedienungsmöglichkeit entgehen lässt, ist eben selber schuld.

    Du lebst im Hier und Jetzt und für Dich wird`s wohl auch noch reichen. Aber wer soll das sozialisierte Gesundheitswesen, das jedem eine Vollkaskoversicherung für den eigenen Körper sichert, bezahlen, wenn das Missverhältnis zwischen Einzahlungen und Leistungen auf Grund des demographischen Faktors (Kinder sind ja out) und den Folgen eines immer stärkeren Trends zum risikointensiven Leben eines Tages nicht mehr hinter Etattricksereien und immer höheren Schulden versteckt werden kann?

  27. Servus,

    also ich bin immer sehr kritisch wenn ich Aussagen höre in der Art von „überbordendem Sozialstaat“, denn das klingt so, als wären es nicht die ganz normalen Leute die diesen finanzieren. So ist es aber: durch unsere Arbeit finanzieren wie die Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, durch unsere Steuern andere staatliche Leistungen.

    Und jetzt bitte nicht sagen, dass die Arbeitgeber (fast) die Hälfte tragen, denn das ist ja auch von uns erwirtschaftet.

    Was nun von dem Geld bezahlt wird, das ist doch die Verhandlungssache, aber „der Staat“ – das sind wir selber.

    Vielleicht ist genau das ein Problem, dass bei vielen diese Identifkation fehlt und „der Staat“ etwas Außenstehendes ist, das einen zu versorgen hat. Solche Leute gibt es sicherlich. Tendenz seit Kohls Zeiten, freudig vertreten von der Partei der Steuerberater, ist aber so zu tun, als ob das Land nicht von den Normalverdienern finanziert würde.

    Diejenigen für die es keine Steuerschlupflöcher und Risikopolsterungen durch Regierungen gibt – da sitzen doch die wahren Sozialschmarotzer.

    Mir hat jedenfalls die „soziale Marktwirtschaft“ ganz gut gefallen, als wir sie noch hatten und ich muss mich nicht verstecken mit meiner Lebensarbeitsleistung.

    Um mal auf die USA zurückzukommen: sie hat ja wohl das „jeder ist seines Glückes Schmied“ am ehesten auf ihre Fahnen geschrieben und war immer sehr sparsam mit Sozialleistungen. Trotzdem gibt es anscheinend eine stattliche Anzahl von Menschen, die damit auskommen wollen oder müssen. Dass ein derartig reiches Land aber solche Menschen ohne anständige Krankenversorgung gelassen hat ist einfach unwürdig. Und dass es wohl Geld genug gibt: da braucht man sich nur die Rüstungsausgaben angucken.

    Also ich finde, es muss Bestrebungen geben, die Identifikation mit dem Gemeinwesen wieder herzustellen. Dann darf aber auch nicht der Eindruck entstehen, dass man denen am unteren Ende stetig was wegnimmt, während diejenigen die sowieso bevorzugt sind, noch Geld hinterhergeworfen bekommen. Und was ich ganz wichtig fände, dass Menschen haftbar gemacht werden für Schäden die sie durch ihr Verhalten angerichtet haben. Wenn ich als Krankenschwester einen Fehler mache, stehe ich vor Gericht, wenn Anlageberater oder Firmenchefs Geld versenken, werden sie mit einer feinen Abfindung versehen.
    Und kein Abgeordneter irgendeines Parlaments hat in irgendwelchen Aufsichtsräten zu sitzen. Die sollten mit ihrer Arbeit ausgelastet sein.

    Das kann man meinetwegen gerne sozialistisch nennen solche Ansichten.

    Gleichzeitig muss es Anstrengungen geben schon in der Kindheit das Bewußtsein für „das ist unser gemeinsames Boot“ wieder zu wecken. Anscheinend ist das weitgehend verloren gegangen. Und ich will gar nicht abstreiten, dass das eine besondere Herausforderung bei denen ist, die sich hier erstmal nicht als Staatsbürger sehen, weil sie eine andere Staatsangehörigkeit oder Herkunft haben und das auch eine große Rolle spielt.
    Allerdings ist dort das Verantwortungsgefühl womöglich noch viel mehr ausgeprägt.

    Aber egal was man tut: es gibt immer Menschen, die sich nicht einbinden lassen können oder wollen. Und man kann die nun mal nicht verhungern oder verrotten lassen. Ein funktionierendes Gemeinwesen verkraftet auch diese noch und versorgt sie. Letzten Endes ist das nicht der größte Aufwand, aber zutiefst christlich, jüdisch, muslimisch.

    Grüße von Meryem

  28. […] so stattgefunden haben kann, wie offiziell behauptet wird. Der missbrauch der mathematik in diesem schmierenartikel eines tumben sympathisanten des menschenverachtenden us-kapitalismus besteht nun darin, die zahlen […]

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