loyalbushie

Lektüre (nicht nur) für Kirchenversteher

In Kultur und Zeitgeist, Religion, Rezension on April 5, 2010 at 5:55 pm

Eines vorneweg: Wer ohnehin schon weiß, dass die Römisch-Katholische Kirche nur dann noch eine Chance hat, wenn sie endlich mit der Zeit geht, ihre veralteten Moralvorstellungen aufgibt bzw. dass sie ohnehin in erster Linie nur für Missbrauchsskandale und Bevormundung steht, darf sich die Lektüre des im Sankt-Ulrich-Verlag erschienenen Buches „Die Wahrheit – Lehre und Streitfragen der Kirche von heute“ gerne schenken. Ihm wird sein Halbwissen aus Medien und einigen Jahren PISA-Bildung genügen, um für Partygespräche gerüstet zu sein.

Autor George Weigel und Papst Johannes Paul II. (Quelle: EPPC)

Wem hingegen die Pressemeldungen der letzten Wochen schon lange zum Halse raushängen, wer als Katholik nach einer verhältnismäßig kurzen, aber prägnanten und dabei doch tiefgründigen Aufarbeitung der wesentlichen Glaubenswahrheiten seiner Kirche sucht oder wer als Nichtkatholik aus erster Hand und nachvollziehbar die katholische Gedankenwelt kennen lernen möchte, der könnte an der genannten Schrift durchaus seine Freude haben und seinen Nutzen ziehen.

Der Autor George Weigel ist auch in den USA nicht gerade ein Unbekannter, sondern gilt dort als einer der wichtigsten katholischen Publizisten, schreibt regelmäßig für Newsweek und das Wall Street Journal, tritt im Fernsehen auf (unter anderem bei NBC) und ist Verfasser jener Biografie von Papst Johannes Paul II., die von Kennern der Materie als die bedeutendste betrachtet wird.

George Weigel grenzt bereits zu Beginn das Gottesbild des Christentums gegen die „unbekannten“ Gottesbilder der Antike sowie gegen moderne Wellness-Religiosität ab und macht die von Jesus Christus geoffenbarte Wahrheit von der Würde des Menschen und dessen Bestimmung zum Thema. Weigel erarbeitet unter anderem anhand der Bedeutung der Selbsthingabe im christlichen Glauben im Unterschied zum weltlichen Ideal der Selbstbehauptung den gegenkulturellen Kern des Christentums und stellt der Angst und Unsicherheit des selbstentfremdeten modernen Menschen das Leben jenseits der Furcht gegenüber, das auf dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi fußt.

Aus dieser gegenkulturellen Ausgangsposition heraus, aus dem qualitativen Freiheitsbegriff des Glaubens heraus begründet George Weigel in der Folge, warum der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesu den Menschen frei macht, indem er ihn – statt ihn wie die säkularen Humanisten nur als Zufallsprodukt und biochemischen Mechanismus zu betrachten – in einen größeren Zusammenhang stellt, ihn in eine transzendentale Ordnung einreiht, ihn des eingeschränkten Rahmens des Hier und Jetzt enthebt und ihm Erbarmen, Gerechtigkeit und Liebe schenkt.

In der Folge kommen im Buch George Weigels auch grundlegende Glaubenswahrheiten des Christentums und deren Einordnung im Sakramentensystem der Katholischen Kirche zur Sprache. Protestantische Christen werden mit Letzterem wie auch generell mit der Bedeutung des kirchlichen Lehramts zweifellos ihre Probleme haben und der begrenzte Rahmen der Schrift sowie ihr grundlegendes Anliegen verhindern eine tiefer greifende theologische Erörterung der einzelnen Auffassungsunterschiede. Dennoch können auch sie durchaus Gewinn aus der Lektüre ziehen, da ihnen die katholische Position aus erster Hand präsentiert wird und insbesondere dort, wo auf die Ökumene und auf das Verhältnis der Katholischen Kirche zum Judentum, zu nicht der RKK angehörigen Christen und zu Andersgläubigen Bezug genommen wird, die besondere Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils unterstrichen wird und die völlig neuen Perspektiven angesprochen werden, die aus dem – seit dieser Zeit intensivierten – interreligiösen Dialog erwachsen sind.

George Weigel: Die Wahrheit – Lehre und Streitfragen der Kirche von heute; 2010, Sankt Ulrich Verlag GmbH Augsburg, 192 Seiten; ISBN: 978-3-86744-122-3; EUR 19,90 (D), sFr 33,50, EUR 20,50 (A)

George Weigel erarbeitet in der Folge auf hohem Niveau, aber jederzeit so, dass ein nicht von vornherein mit seinen vorgefertigten zeitgeistigen Scheuklappen an die Materie herangehender Leser es nachvollziehen kann, Themen wie die Sittenlehre der Katholischen Kirche, die Frage des menschlichen Leidens, die Frage der Errettung oder die Haltung der Kirche zur Demokratie ausgehend vom christlichen Menschenbild und jener Wahrheiten, die keiner menschlichen Disposition unterliegen dürfen.  

Am Ende blickt der Autor in die Zukunft und wirft die Frage nach der Bestimmung des Menschen auf. Ist wirklich die „Schöne Neue Welt“ rational organisierter Zügellosigkeit, die uns Humanisten anempfehlen und in der uns ein flaches, schmerzloses, pflegeleichtes, aber auch sinnbefreites Dasein zugedacht ist, die „menschlichere“, „befreitere“ Zukunft? Oder werden am Ende doch die Erkenntnis des Besonderen und Einzigartigen im Menschen und die Sehnsucht nach dem Großen, wie es etwa das Leben der Heiliggesprochenen gekennzeichnet hatte, die Oberhand haben?

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